Leben 1797 bis 1819






Bolkerstr. 58, anonymer Stich von 1885

Kindheit in Düsseldorf

 

 


Zur Welt kommt Heinrich Heine als Harry Heine. Er ist ein Kind der Düsseldorfer Altstadt: In der Bolkerstraße, im Hinterhaus, das zur heutigen Nr. 53 gehörte, wird er geboren. An welchem Tag, in welchem Jahr, das wissen wir nicht genau. Heine selbst verlegte seinen Geburtstag auf die Neujahrsnacht des Jahres 1800, wollte er doch "einer der ersten Männer des Jahrhunderts" genannt werden. Die Literaturwissenschaftler haben sich auf den 13. Dezember 1797 verständigt, aber auch der Jahresbeginn 1798 kommt in Betracht.

 

"Das Licht der Welt erblickte ich an den Ufern jenes schönen Stromes, wo auf grünen Bergen die Torheit wächst und im Herbste gepflückt, gekeltert, in Fässer gegossen und ins Ausland geschickt wird - ... Viel Torheit wird aber auch im Lande selbst konsumiert, und die Menschen dort sind wie überall: - sie werden geboren, essen, trinken, schlafen, lachen, weinen, verläumden, sind ängstlich besorgt um die Fortpflanzung ihrer Gattung, suchen zu scheinen, was sie nicht sind, und zu tun, was sie nicht können, lassen sich nicht eher rasieren, bis sie einen Bart haben, und haben oft einen Bart, ehe sie verständig sind, und wenn sie verständig sind, berauschen sie sich wieder mit weißer und roter Torheit."

 

Nicht Heinrich, sondern Harry wird der Erstgeborene genannt, nach einem englischen Geschäftspartner des Vaters, und so heißt er bis zur protestantischen Taufe 1825, in der er die Namen Christian Johann Heinrich erhält.

 




Auszug aus dem Taufregister vom 28.6.1825

Heines Mutter Betty, Jahrgang 1771, stammt aus der angesehenen Düsseldorfer Bankiers- und Gelehrtenfamilie van Geldern, der Vater Samson Heine kommt aus einer strenggläubigen norddeutschen Kaufmannsfamilie und wurde 1764 in Hannover geboren. Für seinen Sohn, der seiner stets sehr liebevoll gedenkt, verkörpert er Heiterkeit, Liebenswürdigkeit und Lebenslust bis zum Leichtsinn, die ernste Mutter Willenskraft, Moral und Disziplin.

 

Die Eltern gehören der kleinen jüdischen Gemeinde an, die kaum ein Dutzend Familien zählt. In Düsseldorf gibt es kein ausgesprochenes Judenviertel. Dennoch bleiben Heine Ausgrenzungs-Erfahrungen nicht erspart. Seine Herkunft aus einem jüdischen Elternhaus, sein wenig gebräuchlicher Vorname und sein rötliches Haar machen ihn zur Zielscheibe von jugendlichem Spott und Hohn. In seinen Lebenserinnerungen schildert er, wie entsprechende Hänseleien und Quälereien ihm seine ganze Jugend "vergällt und vergiftet" haben: So löste der Schüler, als er einmal bemerkte, sein Großvater sei "ein kleiner Jude mit einem großen Bart" gewesen – das hatte es ihm sein Vater am Vortag mürrisch erzählt – bei seinen Mitschülern ein wahres "Höllenspektakel" aus:

 

"Kaum hatte ich diese Mitteilung gemacht, als sie von Mund zu Mund flog, in allen Tonarten wiederholt ward, mit Begleitung von nachgeäfften Tierstimmen; die Kleinen sprangen über Tische und Bänke, rissen von den Wänden die Rechentafeln, welche auf den Boden purzelten nebst den Tintenfässern, und dabei wurde gelacht, gemeckert, gegrunzt, gebellt, gekräht."

 

Anhaltenden Ärger trug dem kleinen Harry Heine auch sein Vorname ein. Unglücklicher Zufall, dass der "Dreckmichel", der jeden Morgen mit einem Karren durch die Straßen der Stadt zog und den Unrat einsammelte, ausgerechnet mit dem Ruf "Haarüh" seinen Esel zu kommandieren pflegte:

 

"Um mich zu nergeln sprachen sie ihn [den Vornamen] ganz so aus, wie der Dreckmichel seinen Esel rief, und ward ich darob erbost, so nahmen die Schälke manchmal eine ganz unschuldige Miene an und verlangten, ich sollte sie lehren, wie mein Name und der des Esels ausgesprochen werden müßten, stellten sich aber dabei sehr ungelehrig, meinten, der Michel pflege die erste Silbe immer sehr lang anzuziehen, während er die zweite Silbe immer schnell abschlappen lasse; zu anderen Zeiten geschähe das Gegenteil, wodurch der Ruf wieder ganz meinem eigenen Namen gleichlaute. […] In der Schule ward das Thema mit raffinierter Grausamkeit ausgebeutet; wenn nur irgend von einem Esel die Rede war, schielte man nach mir, der ich immer errötete, und es ist unglaublich wie Schulknaben überall Anzüglichkeiten hervorzuheben oder zu erfinden wissen. Zum Beispiel der eine frug den anderen: Wie unterscheidet sich das Zebra von dem Esel des Barlaam Sohn Boers? Die Antwort lautete: Der eine spricht Zebräisch und der andre sprach Hebräisch. Dann kam die Frage: Wie unterscheidet sich aber der Esel des Dreckmichels von seinem Namensvetter, und die impertinente Antwort war: den Unterschied wissen wir nicht."

 



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