Leben 1831 bis 1856






Heinrich Heine, Loreley & Liberte von M. M. Prechtl 1984

Heine in Paris

 

 

 

Im Mai 1831 verlegt Heine seinen Wohnsitz nach Paris. Was ihn an der zweitgrößten Stadt der Welt besonders fasziniert, ist die Spannung zwischen der heiteren Lebensart der Franzosen und der weltbewegenden geschichtlichen Dimension der Stadt. Schnell wird er hier mit führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bekannt, Politikern, Bankiers, Künstlern und Wissenschaftlern. In den neuen geistigen und ideologischen Strömungen erblickt Heine Motoren des gesellschaftlichen Fortschritts.

 

 

"Was mir am besten am Pariser Volk gefiel, das war sein höfliches Wesen und sein vornehmes Ansehen. Süßer Ananasduft der Höflichkeit! Wie wohltätig erquicktest du die kranke Seele, die in Deutschland so viel Tabaksqualm, Sauerkrautsgeruch und Grobheit eingeschluckt!"

 

In dem Vierteljahrhundert, das er in Paris verlebt, zieht Heine ungewöhnlich oft um, insgesamt sind sechzehn Wohnadressen bekannt. Das von ihm bevorzugte Wohnviertel liegt nördlich der großen Boulevards in dem zum Montmartre-Hügel ansteigenden Stadtteil. In seiner Nachbarschaft leben viele bedeutende Schriftsteller und Künstler, darunter Théophile Gautier, George Sand, Frédéric Chopin, Franz Liszt, Alfred de Musset, Hector Berlioz, Eugène Delacroix und Théodore Géricault.


Hier war er in unmittelbarer Nähe des alten Zentrums und doch der mittelalterlichen Enge und Düsterkeit entrückt. Theater- und Konzertbesuche ließen sich relativ mühelos bewerkstelligen, da fast alles in günstiger Entfernung lag, Restaurationsmöglichkeiten gab es in Hülle und Fülle.

 



Mathilde nach einem verschollenen Ölgemälde

Zur Lebensgefährtin wählt er sich ein junges Bauernmädchen, das es aus der Provinz nach Paris verschlagen hat und auf den Namen Augustine Crescence Mirat katholisch getauft ist. Weil Heine weder der eine noch der andere Vorname zusagt, belegt er sie umgehend mit einem eigenen Namen: Mathilde. Seit 1836 lebt das Paar zusammen. Trotz ihrer Grundverschiedenheit versuchen beide immer wieder, sich zusammenzuraufen, ohne dass es ihnen je gelingt, ihre Beziehung zu normalisieren.

 

 

 

Heine und die Liebe II

 

Ein Vertrauter über Mathilde: "Ohne Geist und ohne Erziehung" sei sie gewesen und Heine habe sie "auf dem Pflaster von Paris" aufgelesen. Sie »liebte die Szenen«, so ein anderer Hausfreund: »In einem Anfall war sie imstande, sich selbst mit Fäusten zu schlagen; zwei Minuten später erstickte ihr Zorn in Tränen und Schluchzen. Sie schluchzte ebenso leicht beim Tode ihres Papageis wie bei dem ihrer Mutter. Und diese Szenen wiederholten sich oft, und besonders dann, wenn ihr Blut überschäumte. Sie war dann keine Frau mehr, sondern ein Kind, und wie ein Kind wälzte sie sich auf dem Boden, stampfte mit den Füßen und hämmerte auf sich selbst ein.« Im Kosenamen "Katze" hat Heine das wilde, nicht domestizierbare und gleichzeitig schmiegsam-zärtliche Wesen Mathildes festgehalten.

 

Heine tat nicht wenig, um den Standes- und Bildungsunterschied abzumildern, was ihn angeblich insgesamt zehntausend Francs kostete, umgerechnet also rund 65 000 Euro. 1839 meldete er Mathilde für zwei Jahre auf einer Privatschule an, wo sie, im Alter von 24 Jahren, an sechs Tagen in der Woche Grundzüge einer allgemeinen und gesellschaftlichen Bildung und wohl auch der Hauswirtschaft und Haushaltsführung erlernte. Doch trotz aller Bildungs- und Erziehungsversuche wurde aus Mathilde nie die Dame des Hauses, die Heine sich wünschte. Auf dem künstlerisch-geistigen Sektor, der ihn wirklich interessierte, gab es keine Gemeinsamkeiten. Heine musste wissen, dass bei diesem immensen geistigen Abstand immer nur ein Bruchteil von Kommunikation möglich, dass diese Beziehung auf Dauer ein hoffnungsloses Unterfangen war. Zudem verschloss Heine die Hinwendung zu dem Unterschichtenkind Mathilde bestimmte Kreise der Pariser Gesellschaft. Das Leben an der Seite dieser Frau muss in vieler Hinsicht einer dauernde Demütigung gleichgekommen sein. Und die Kehrseite des Besitzerstolzes, mit der er sie - etwa im Badeurlaub - zur Schau zu stellen pflegte, war die Verachtung des von ihm spendierten Putzes, mit dem sie sich schmückte. Der Vorwurf, sie sei eine Verschwenderin, wurde zum Stereotyp.

 



Auszug aus dem Heiratsregsiter St. Sulpice - Mathilde Heine 1860

Im Sommer 1841, einige Tage vor dem Pistolenduell mit Salomon Strauß, den er in der Börne-Schrift als "gehörnten Esel" bezeichnet hatte und der Heine am 14. Juni auf offener Straße zur Rede stellte und nach eigener Auskunft ohrfeigte, ließ Heine sich mit Mathilde nach katholischem Ritus trauen und verwandelte so seine wilde Ehe in eine zahme. Ihm lag daran, Mathilde im Todesfall sein Hab und Gut hinterlassen zu können und sie als Mitglied des Familienclans zu legitimieren - das Duell ging jedoch recht glimpflich für Heine aus, er erlitt lediglich einen Streifschuss an der Hüfte.

 

In Privatbriefen ebenso wie in Gedichten beteuerte Heine immer wieder seine große Liebe und Sorge für Mathilde bis über den Tod hinaus. Die Verletzungen und Frustrationen behielt er hingegen für sich, bannte sie etwa in Gedichte, die erst in seinem Nachlass aufgefunden wurden:

 

LEBEWOHL


Hatte wie ein Pelikan
Dich mit eignem Blut getränket,
Und du hast mir jetzt zum Dank
Gall' und Wermuth eingeschenket.

 

 

Böse war es nicht gemeint,
Und so heiter blieb die Stirne;
Leider mit Vergeßlichkeit
Angefüllt ist dein Gehirne.

 

 

Nun leb wohl - Du merkst es kaum,
Daß ich weinend von dir scheide,
Gott erhalte, Thörin, dir,
Flattersinn und Lebensfreude!

 

 

 



Heine und Elise Krinitz (Phantasiedarstellung) - Holzschnitt-Reproduktion, nach 1860

Erst am Ende seines Lebens, in der Beziehung zu der jungen deutschstämmigen Journalistin Elise Krinitz, fand Heine eine Partnerin, mit der ihn eine anspruchsvolle geistige Beziehung verband. Sie erledigte Schreibarbeiten für ihn, betätigte sich als Übersetzerin und Vorleserin, und er verliebte sich in die etwas kränkelnde junge Frau, die er, nach dem Emblem ihres Siegelrings, "Mouche" nannte, "Fliege". Wie ein erotischer Schmetterling umflatterte sie seine letzten Lebensmonate in der Matratzengruft.

 

Literarische Männerphantasien haben aus der Krinitz eine Abenteurerin gemacht, die zwar nicht klug, aber jung und schön gewesen sei. Nur darum habe Heine für sie geschwärmt. Das Gegenteil ist richtig. Sie war zweifellos eine außergewöhnliche Frau, aber jung war sie nicht mehr, knapp dreißig Jahre alt, für damalige Verhältnisse ein "spätes Mädchen" also, und ihr Aussehen entsprach keineswegs den Regeln konventioneller Ästhetik. Ein Bekannter beschrieb sie so: "Wenig Haar, dünne Brauen, keine Farbe, jetzt erst sah man recht, daß die Nase, immer der mißlichste Theil ihres Gesichts, recht unschön war." In Heines Augen jedoch stellte sie eine reizvolle Schönheit dar, die er mit innigster Zärtlichkeit liebte. Die letzten poetischen Texte, die der Todgeweihte krakelig mit Bleistift auf große Foliobögen schrieb, waren Liebesgedichte, die er ihr widmete. Ein letztes Mal produzierte der luzide Geist des sterbenskranken Dichters Gedichte der Sehnsucht und des Schmerzes, voll bitterer Selbstironie und nicht ohne frivolen Witz. Wiederum war es eine unmögliche Liebe, die Heines Schaffensdrang noch einmal in Gang setzte.

 



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