Einleitung  4




Der Typus Schiller

Unumstritten war Schiller nie. Nie gab es einen Konsens über seinen poetischen Rang. Doch es gab und gibt ein Schillerbild, über das fast nie gestritten wurde - vielleicht weil es von Goethe stammt. Dieser entwarf in seinem Epilog zu Schillers "Glocke" eine Lebens- und Geistesskizze des toten Freundes, die zu überdauern scheint: Sie zeichnet einen Menschen, der mit widrigsten Umständen zu kämpfen hatte und dem Unbegreifliches gelang. Goethe:

 

Indessen schritt sein Geist gewaltig fort
Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen,
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.


Dass Goethe im Mai 1805 mit Schillers Tod die Hälfte seines Daseins verlor, wie er am 1. Juni an Zelter schrieb; dass er nicht müde wurde, Schillers menschliche Größe zu preisen - "edel" nannte er ihn oft, "aristokratisch", sogar: "heilig" -, dass er voller Bewunderung auf sein rastloses Streben zurücksah:

 

"alle acht Tage war er ein anderer und vollendeterer; jedes Mal wenn ich ihn wiedersah, erschien er mir vorgeschritten in Belesenheit, Gelehrsamkeit und Urteil"

 

- das alles zeigt, welch ungewöhnliche Wirkung Schiller auf den um ein Jahrzehnt Älteren ausgeübt hat.

 

Anders verhielt es sich indes mit Goethes Bewunderung für Schillers Dichtkunst, die er für allegorisch - verstandesgelenkt - hielt, während er die seine als symbolisch, der Anschauung entstammend, auffasste, nicht ohne letztere in seinen "Maximen und Reflexionen" als die "eigentliche Natur der Poesie" zu bezeichnen.


Doch verdross ihn die Kritik, die andere an den Arbeiten des Freundes übten, die Brüder Schlegel etwa und ihr Jenaer Anhang, alt gewordene Aufklärer wie Friedrich Nicolai oder christliche Eiferer vom Schlage des Grafen zu Stolberg.

 




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