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Dass am 20. Oktober 1799 im Jenaer Romantikerhaus große Heiterkeit ausbrach, als das gerade erschienene "Lied von der Glocke" bekannt wurde - die Anwesenden seien, schrieb Caroline Schlegel ihrer Tochter, "fast von den Stühlen gefallen vor Lachen" -, ist eine oft wiederholte, aber gleichzeitig überschätzte Anekdote. Denn während die Romantiker lachten, applaudierten andere: das "Lied von der Glocke", das Hohelied bürgerlicher Tugenden - vor allem: männlicher Kraft und weiblicher Sanftheit -, das ungewöhnlich schroff jede Form revolutionärer Gewalt verurteilte, erhielt schnell einen bevorzugten Platz im poetischen Hausschatz der Deutschen und wurde im 19. Jahrhundert in den Rang eines säkularisierten Katechismus befördert.


Was das Gelächter der Romantiker freilich nicht verstummen ließ - ebenso wenig, wie es den Spott von Büchner und Nietzsche abwandte. Und noch in Hans Magnus Enzensbergers Aufsatz "Festgemauert aber entbehrlich" von 1966 findet es - das Lachen der Romantiker - einen späten Widerhall. Enzensberger schreibt:


"Auf der einen Seite äußerste Ökonomie, auf der anderen uferlose Sprüche;
feste rhythmische Form, lustlose Reimerei;
strikte Kenntnis der Sache, unverbindliche Ideologie; verschwiegene Einsicht, plakatierte Trivialität;
Größe in der Beschränkung, aufgehäufter Plunder."


Für Schillers Kunstauffassung, der zufolge der Stoff - die schlechte Lebenswirklichkeit - durch die gekonnte Formgebung - die im "Ideal" erreichte Kunstwahrheit - aufzuheben sei, interessierten sich seine Kritiker selten. Dabei ist diese Auffassung recht eingängig in dem geschmähten "Lied" selbst angedeutet:


Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat's erfüllt,
Dass sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock' soll auferstehen,
Muss die Form in Stücke gehen

 


* * *

 

 

Lässt man die Schiller-Rezeption der letzten 200 Jahre Revue passieren, trifft noch immer zu, was der Schriftsteller Egon Friedell im Jubiläumsjahr 1909 festhielt:

 

"Es war ein ewiges Auf und Ab. Man polemisierte um ihn wie um einen Lebenden; nie war man sich über ihn einig. Er war ein staatsgefährlicher Mensch und der Retter seines Volks, er war der Kanon edelster Dichtkunst und das Muster roher Theatralik, er war der Prediger der höchsten politischen und religiösen Ideale und der Vertreter einer inhaltlosen und abgelebten Ideenwelt. Und dies alles war er nicht etwa im läuternden Gang der Geschichte, sondern er war dies alles gleichzeitig, miteinander, gegeneinander, durcheinander, und ist es noch heute. Und er wird wahrscheinlich niemals ein wirklicher dauernder Kulturbesitz werden: er wird immer die Leidenschaften entzünden und die Extreme in den menschlichen Köpfen und Herzen hervortreiben."




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