HEINES GAUMENFREUDEN


Heine war kein Kostverächter, aber auch kein Schlemmer. Er aß gern Austern, besonders in Verbindung mit einem Clos de Vougeot, aber seine sonstigen Leibspeisen muten eher bescheiden an: Roher westfälischer Schinken, dazu ein trockener Johannisberger, Hammelfleisch mit Teltower Rübchen, begleitet von einer halben Flasche Haut-Sauternes. Er war kein starker Esser, ganz im Gegensatz zu seiner Frau Mathilde.

 

"Bei sich zuhause", so der Hausfreund Alexander Weill, "schlürfte sie zunächst ein Dutzend Austern, dann verspeiste sie zwei Beefsteaks und trank eine halbe Flasche puren Wein dazu, auf die Gefahr hin, etwas beschwipst zu werden [...]. Nicht als ob Frau Heine eine Feinschmeckerin gewesen wäre; ihr häusliches Menü war von patriarchalischer Einfachheit: ein Fisch, ein Stück Kalbs- oder Hammelbraten, Salat und Käse. Aber diese Fleischstücke waren dick und saftig, und Frau Heine sprach ihnen mehr zu als ihr Gatte, der eine feine Zunge hatte [...]."

 

Nach Ausbruch seiner schweren Krankheit waren Essen und Trinken die einzigen physischen Genüsse, die Heine verblieben. Ein Wiener Journalist hat es notiert: Nach dem morgendlichen Bad wurde Heine gegen elf Uhr ein kräftiges Frühstück serviert, das aus einem aus Milch, Schokolade und Reis zubereiteten warmen Getränk, aus "feinem halbgebratenem Rindfleisch", Früchten und verdünntem, leicht gezuckertem Bordeaux bestand. Mittags bevorzugte er "gebratenes Geflügel, Kalbskoteletts, leichtes Gemüse." Kreislauf und Denkvermögen hielt er mit gutem Bordeaux in Schwung, von dem er im Laufe des Tages eine Flasche leerte. (Goethe soll es bekanntlich auf die dreifache Menge gebracht haben.)

 

Wegen seiner wechselnden Befindlichkeit verschob sich das 18-Uhr-Diner oftmals bis in die späte Nacht oder den frühen Morgen. Dann wurde dem Kranken aufgetischt, "was er nur wünschen konnte und durfte, und er verzehrte die feinsten Bissen und in gewissen Jahreszeiten die seltensten Früchte, mit dem Appetite eines Gesunden. Nach dem Arzte war ihm die Köchin deshalb auch die wichtigste Person des Hauses, und Madame Heine hatte oft ihre liebe Noth mit dem launenhaften Küchendespoten, der von seinem Gebieter durch allerlei Complimente und andere Dankbarkeitsbeweise verzärtelt und verzogen wurde."

 


In der Tat lobte Heine seine letzte Köchin in höchsten Tönen, wußte sie doch etwa aus Äpfeln und Nudeln einen fetten, süßen Pudding zu bereiten, eine süße Variante des jüdischen Schalet. Für Heine nahm dieser Pudding himmlische Wonnen vorweg, und gegenüber seiner Mutter in Hamburg schwämte er am 3. August 1850:

 

Meine Köchin ist ein Genie und unter dem Namen ‚deutsche Nudel' fabrizirt sie ein Gericht, welches ganz eigentlich der jüdische Schalet ist und den ich mit Vergnügen esse. Das ist die größte Neuigkeit, die ich Dir mitzutheilen habe.

 

(Auszug aus dem abgebildeten Band)

 

 

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Über die Dialektik von Liebes- und Küchenkünsten in England, Frankreich, Italien, Deutschland und den Niederlanden äußert sich Heine poinitert in den "Memoiren des Herren von Schnabelewopski". [zur political incorrectness...]




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