| Leben bis 1819 2 


Lehrjahre in Hamburg

Im Juni 1816 geht Heine für zwei Jahre nach Hamburg. Im Bankhaus seines Onkels Salomon absolviert er eine kaufmännische Lehre. 1817 werden seine ersten Gedichte gedruckt. Sie besingen eine schöne und liebliche, zugleich aber todbringende Wundermaid, hinter der die Gestalt der Hamburger Cousine Amalie hervorlugt, von Heine in seinen Briefen "Molly" genannt.
Für intime Rendezvous gibt es indes wenig Gelegenheit, da der Düsseldorfer Verwandte, der in der Stadt zur Untermiete wohnt, nur selten nach Hause eingeladen wird. Und dann ist es von Anfang an eine unmögliche Liebe. Der Sohn Samson Heines, dessen »Mode- und Ellenwarenhandlung« am Rhein längst dem Bankrott entgegensteuerte, hat sich in die Tochter eines Multimillionärs verliebt.
Dennoch krampft sich sein Herz an die unverbindliche Liebenswürdigkeit, die ihm die Cousine entgegenbringt und die er mit liebendem Wohlwollen verwechselt. 1819 muss Heines Vater das Textilgeschäft aufgeben. Damit nimmt auch Heines Hamburger Kaufmannskarriere ein jähes Ende. 1819 verlässt er die Stadt an der Elbe. Amalie heiratete 1821 einen ostpreußischen Gutsbesitzer und verschwand schon bald aus Heines Gesichtsfeld. Doch als weiblicher Schatten lebte sie, auch nach ihrem frühen Tod im Jahr 1838, unter verschiedenen Namen in seinen Dichtungen weiter. Die Herzblutspur der nicht erwiderten, unerfüllten Liebe verläuft durch Heines Lyrik bis zu den Gedichten der Spätzeit:
DIE LAUNEN DER VERLIEBTEN (1853)
(Eine wahre Geschichte, nach ältern Dokumenten
wiedererzählt und aufs neue in schöne deutsche Reime gebracht.)
Der Käfer saß auf dem Zaun, betrübt; Er hat sich in eine Fliege verliebt.
Du bist, o Fliege meiner Seele, Die Gattin, die ich auserwähle.
Heirate mich und sei mir hold! Ich hab einen Bauch von eitel Gold.
Mein Rücken ist eine wahre Pracht; Da flammt der Rubin, da glänzt der Smaragd.
O daß ich eine Närrin wär! Ein'n Käfer nehm ich nimmermehr.
Mich lockt nicht Gold, Rubin und Smaragd; Ich weiß, daß Reichtum nicht glücklich macht.
Nach Idealen schwärmt mein Sinn, Weil ich eine stolze Fliege bin. -
Der Käfer flog fort mit großem Grämen; Die Fliege ging ein Bad zu nehmen.
Wo ist denn meine Magd, die Biene, Daß sie beim Waschen mich bediene;
Daß sie mir streichle die feine Haut, Denn ich bin eines Käfers Braut.
Wahrhaftig, ich mach eine große Partie; Viel schöneren Käfer gab es nie.
Sein Rücken ist eine wahre Pracht; Da flammt der Rubin, da glänzt der Smaragd.
Sein Bauch ist gülden, hat noble Züge; Vor Neid wird bersten gar manche Schmeißfliege.
Spute dich, Bienchen, und frisier mich, Und schnüre die Taille und parfümier mich;
Reib mich mit Rosenessenzen, und gieße Lavendelöl auf meine Füße,
Damit ich gar nicht stinken tu, Wenn ich in des Bräut'gams Armen ruh'.
Schon flirren heran die blauen Libellen, Und huldigen mir als Ehrenmamsellen.
Sie winden mir in den Jungfernkranz Die weiße Blüte der Pomeranz.
Viel Musikanten sind eingeladen, Auch Sängerinnen, vornehme Zikaden.
Rohrdommel und Horniß, Bremse und Hummel, Sie sollen trompeten und schlagen die Trummel;
Sie sollen aufspielen zum Hochzeitfest - Schon kommen die bunt beflügelten Gäst,
Schon kommt die Familie, geputzt und munter; Gemeine Insekten sind viele darunter.
Heuschrecken und Wespen, Muhmen und Basen, Sie kommen heran - Die Trompeten blasen.
Der Pastor Maulwurf im schwarzen Ornat, Da kommt er gleichfalls - es ist schon spat.
Die Glocken läuten, bim-bam, bim-bam - Wo bleibt mein liebster Bräutigam? - -
Bim-bam, bim-bam, klingt Glockengeläute, Der Bräut'gam aber flog fort ins Weite.
Die Glocken läuten, bim-bam, bim-bam - Wo bleibt mein liebster Bräutigam?
Der Bräutigam hat unterdessen Auf einem fernen Misthaufen gesessen.
Dort blieb er sitzen sieben Jahr, Bis daß die Braut verfaulet war.
Als Anfang Oktober 1827 die ersten Exemplare des "Buchs der Lieder" die Druckpresse verließen, kam es zu einer zufälligen Wiederbegegnung mit der Jugendliebe. An Varnhagen von Ense schrieb Heine: "Ich bin im Begriff diesen Morgen eine dicke Frau zu besuchen, die ich in 11 Jahren nicht gesehen habe." Und er beschloss seinen kurzen Bericht mit den Worten: "Die Welt ist dum und fade und unerquicklich und riecht nach vertrockneten Veilchen." | |


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