Leben bis 1856  3




Matratzengruft

 

 

 

Im Frühjahr 1846 verschlechterte sich Heines Befinden auf dramatische Weise. Die schon früher konstatierten Sehstörungen und Lähmungserscheinungen nahmen dramatisch zu, außerdem stellten sich Kreislaufprobleme ein. Im Spätsommer 1847 konnte Heine sein Zimmer kaum noch verlassen. Anfang 1848 ließ er sich für einen letzten Besuch bei einer Freundin auf dem Rücken eines Dienstboten die Treppe hinauftragen. Wenige Monate später streckte ihn die Lähmung gänzlich nieder: Seit Ende Mai 1848 war Heine ein Pflegefall und in die Wände seines Krankenzimmers gebannt.

 



Heinrich Heine und seine Frau Mathilde - Ölgemälde von E. B. Kietz 1851


Diagnose und Ursprung von Heines Krankheit konnten nie eindeutig geklärt werden, da eine pathologische Untersuchung nicht vorliegt. Heine selbst deutete sie nicht ohne eine gewisse Schlüssigkeit als "Krankheit der glücklichen Männer" und göttliche Strafe für ausschweifendes Sexualleben. Geschlechtskrankheiten waren damals massenhaft verbreitet. Bei Casanova etwa, Franz Schubert, Charles Baudelaire und Karen Blixen gilt die Diagnose "Syphilis" als gesichert, bei Mozart, Beethoven, Chopin, Toulouse-Lautrec, van Gogh, Maupassant, Poe und Nietzsche gibt es Anhaltspunkte. Möglicherweise handelt es sich bei Heine um den seltenen Fall einer Syphilis ohne mentalen Charakter, bei der sich die Paralyse auf das Rückenmark, die Augen und einen Teil der Kopfnerven beschränkte.

 

Heines häusliches Krankenzimmer, das er selbst als "Matratzengruft" bezeichnet, ist nach dem Zeugnis seiner Besucher ein "düsteres, geheimnisvolles Gemach, in dem man meistens keinen Laut vernahm."

 

"Eintretend stand ein enges Bett, auf der linken Seite Platz für einen großen Korb neben der Wand lassend, in welchen Heine, wenn er mit verschlossenen Augen mit einem Bleistift auf Folio Bogen geschrieben hatte, diese Papiere warf. Rechts befand sich ein Sofa, und mehr als einmal sah ich die Magd ihn wie ein kleines Kind vom Bett auf das Sopha tragen, um sein Lager etwas besser herzurichten."

 

Die körperliche und die politische Misere – im Februar 1848 fegt eine Erhebung der Pariser Bevölkerung Ministerium und Thron hinweg, im Dezember wird Louis-Napoléon Bonaparte, der Großneffe des Kaisers, zum Präsidenten der Republik gewählt – tragen erheblich zur Verdüsterung von Heines Zeit- und Geschichtshorizont bei. Zugleich führen sie zu einer Wiedererweckung seines religiösen Gefühls und zu einer Neubesinnung auf seine jüdische Identität und lassen ihn schließlich feststellen: "Ich bin jetzt nur noch ein armer todkranker Jude" ("Berichtigung" vom 15. April 1849, in: Allgemeine Zeitung vom 25.4.1849).

 

"Schöne Geschichte, die jüdische - Aber die jungen Juden schaden den Alten, die man weit über die Griechen und Römer setzen würde - Ich glaube, gäbe es keine Juden mehr, und man wüßte, es befände sich noch irgendwo ein Exemplar von diesem Volk, man würde 100 Stunden reisen, um es zu sehen und ihm die Hände zu drücken - und jetzt weicht man uns aus."

 

 






 

Morphiumrezept für H., 4.3.1850 - Sterbeurkunde H.s, 1.4.1856, Abschrift für die Behörden der Heimatstadt Düsseldorf - H.s Totenmaske - H.s Grab in ursprünglicher Gestalt

 

 

Obgleich oft tagelang von Schmerzen erschöpft und vom Morphium betäubt, beweist Heine selbst in seiner Krankheitsperiode eine ungebrochene Produktivität. Im Sommer 1851 kann er überraschend mit einem neuen Gedichtband, dem "Romanzero", hervortreten. Als neue Stoffbereiche werden dabei die jüdische Tradition sowie die Geschichte ferner Länder und ferner Zeiten erschlossen.

 

EPILOG

 

Unser Grab erwärmt der Ruhm.

Torenworte! Narrentum!

Eine bessre Wärme gibt

Eine Kuhmagd, die verliebt

Uns mit dicken Lippen küßt

Und beträchtlich riecht nach Mist.

Gleichfalls eine bessre Wärme

Wärmt dem Menschen die Gedärme,

Wenn er Glühwein trinkt und Punsch

Oder Grog nach Herzenswunsch

In den niedrigsten Spelunken,

Unter Dieben und Halunken,

Die dem Galgen sind entlaufen,

Aber leben, atmen, schnaufen,

Und beneidenswerter sind,

Als der Thetis großes Kind –

Der Pelide sprach mit Recht:

Leben wie der ärmste Knecht

In der Oberwelt ist besser,

Als am stygischen Gewässer

Schattenführer sein, ein Heros,

Den besungen selbst Homeros.

 

 

 

Heinrich Heine stirbt am 17. Februar 1856 morgens gegen 5 Uhr in den Armen seiner Pflegerin Catherine. Still, prunklos, ohne religiöses Zeremoniell und ohne eine einzige Traueransprache, findet am kalten und nebligen Morgen des 20. Februar 1856 auf dem Pariser Friedhof Montmartre die Beerdigung statt.

 

 



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