Werke bis 1856  2






Abb.: Heinrich-Heine-Institut

Die Schriften über Deutschland

 

 

Im Mittelpunkt von Heines so genannten Deutschlandschriften steht die kritische Auseinandersetzung mit deutscher Literatur, Religions- und Philosophiegeschichte. In der "Romantischen Schule" von 1835 etwa gibt er eine Übersicht der deutschen Literatur von Lessing bis zu den Romantikern Arnim und Brentano. Ein kurzer Seitenblick gilt namhaften Vertretern der literarischen Avantgarde, für die Heine seit 1833 den Schulbegriff des "Jungen Deutschland" gebraucht. Das Bekenntnis zur engagierten Literatur gibt ihm Gelegenheit zu einem Selbstporträt - ist er doch selbst einer der "Schriftsteller des heutigen jungen Deutschlands, die [...] keinen Unterschied machen wollen zwischen Leben und Schreiben, die nimmermehr die Politik trennen von Wissenschaft, Kunst und Religion, und die zu gleicher Zeit Künstler, Tribune und Apostel sind."

 

Ebenfalls 1835 erscheint die Abhandlung "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", in der Heine versucht, "die Phasen der deutschen Philosophie und zugleich ihre politische Bedeutung" verständlich zu machen. Als Folge der von Kant eingeleiteten philosophischen Umwälzung prophezeit er Deutschland eine baldige politische Revolution:

 

"Mich dünkt, ein methodisches Volk wie wir mußte mit der Reformation beginnen, konnte erst hierauf sich mit der Philosophie beschäftigen, und durfte nur nach deren Vollendung zur politischen Revolution übergehen. Diese Ordnung finde ich ganz vernünftig. Die Köpfe, welche die Philosophie zum Nachdenken benutzt hat, kann die Revolution nachher zu beliebigen Zwecken abschlagen."

 

Mit Statements wie diesen erregt er die persönliche Aufmerksamkeit des österreichischen Regierungschefs Metternich, der den Text als "wahres Meisterstück in Beziehung auf Styl und Darstellung" bezeichnet. Ein Kompliment mit Folgen, denn wenig später holen die deutschen Behörden auf Metternichs Anordnung hin zu einem entscheidenden Schlag gegen die kritische Literatur aus: Mit dem Bundestagsbeschluss vom 10. Dezember 1835 wird zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Gruppe von Autoren per Dekret an der Fortsetzung ihrer literarischen Tätigkeit gehindert oder zumindest - und das auf Jahre hin - großen Beschränkungen unterworfen.

 

 

Mit "Ludwig Börne. Eine Denkschrift", der, so Thomas Mann "genialsten deutschen Prosa bis Nietzsche", legt Heine 1840 seinen Beitrag zur "Deutschen Ideologie" vor.

 



Ludwig Börne, Lithographie von 1827

In der großen Auseinandersetzung mit seinem republikanischen Antipoden und Weggefährten des Exils versucht er eine eigene politische wie literarische Standortbestimmung. Die "Denkschrift" nimmt eine zentrale Stellung in Heines Werk ein. Ihre Entstehung zieht sich über drei Jahre hin. Sie wird immer wieder durch literaturpolitische Fehden unterbrochen, die sich im "Schwabenspiegel" (1838) und im Aufsatz "Schriftstellernöthen" (1839) niederschlagen und die polemische Stoßrichtung des Textes vermutlich verstärken.

 

Heines Verhältnis zu seinem ehemaligen Waffenbruder war zuletzt äußerst problematisch gewesen. Nach einer kurzen Phase des Schwankens hatte er ab Sommer 1832 die politische Radikalisierung Börnes, die enge Verbindung zu den deutschen Republikanern in Paris missbilligt und seine Gesellschaft eher gemieden. Wenn er doch einmal mit ihm zusammentraf, wusste er ihn durch provozierend neckische und mystifizierende Bemerkungen zu reizen, etwa indem er sich als gesinnungsloser Luftikus oder kultureller Banause gab. Börne seinerseits hatte schon bald den Stab über Heine gebrochen, sah in ihm einen frivolen, egozentrischen Feigling, der sich an die Aristokratie verkauft habe. Seit dem Herbst 1831 streute er, zunächst privat, das Gerücht aus, Heine sei ein bezahlter Agent des restaurativen Systems. Im Herbst 1833 trat er, im 109. der "Briefe aus Paris" und in der Form noch relativ maßvoll, erstmals öffentlich gegen ihn auf. Schärfer fiel dann seine Rezension von "De l'Allemagne" aus, die im Mai 1835 in der Zeitschrift "Le Réformateur" erschien. Hier holte Börne zu einem umfassenden Rundumschlag gegen Heine aus, bezichtigte ihn der Charakterlosigkeit und sprach seiner Interpretation der deutschen Philosophie und Literatur jede Seriosität ab. Und schließlich nahm er Heine den politischen Wind aus den Segeln, indem er ihn als poetischen Schmetterling charakterisierte, der unbeständig von einer Blume zur anderen flattere. Börne kommt zu dem Schluss, Heine habe zwar literarisches Talent, aber es fehle ihm an Charakter. Damit sei er für jegliche öffentliche Rolle disqualifiziert.

 

Zu diesen Anschuldigungen hatte Heine zu Lebzeiten Börnes geschwiegen. Erst nach dessen Tod im Februar 1837 reifte in ihm, der eigenem Bekunden nach "nie eine Beleidigung auf dieser Erde verzieh", der Gedanke einer öffentlichen Entgegnung, zumal er feststellen musste, dass Börne im Nachhinein geradezu "kanonisiert" wurde.

 

Um Heines Persönlichkeitsbild hingegen war in der Öffentlichkeit eine heftige Diskussion entbrannt, in der er eine Reihe von neuen Akzenten zu setzen gedachte. Er wusste: "Sobald sein Privatleben von dem unbarmherzigsten Lichte der Presse beleuchtet wird und die Tageskritik an seinen Worten würmelt und nagt, kann auch das Lied des Dichters nicht mehr den nöthigen Respekt finden". Dabei geht er höchst subtil vor, auf mehreren Ebenen zugleich agierend. Kontrastiv zu Börnes Porträt entfaltet er ein Bild seiner selbst, das eine Rechtfertigung seines Schaffens und seines öffentlichen Verhaltens bietet, und zwar in einer zeitkritisch autobiographischen Form.

 

Zunächst stellt sich Heine lediglich als Beobachter vor, der sein "unmaßgebliches Dafürhalten", sein "Privaturtheil" über einen großen Zeitgenossen mitteilen wolle und bei dieser Gelegenheit einige wichtige Themen aus Geschichte und Theorie der literarisch-politischen Opposition der letzten fünfzehn Jahre besprechen müsse. Dabei werde er mit der "kältesten Unpartheylichkeit" verfahren und von sich nur insofern reden, als zur Wahrheit des Porträts immer auch die "genaue Angabe des Ortes und der Zeit" gehöre, an denen der Porträtierte dem Porträtisten gesessen habe. "Zugleich verhehle er nicht, welche günstige oder ungünstige Stimmung ihn während der Sitzung beherrschte. Ich liefere dadurch den besten Maßstab für den Glauben, den meine Angaben verdienen." Aus seiner Authentizität verbürgenden Augenzeugenschaft sowie aus der Tatsache, dass die Öffentlichkeit seit jeher dazu geneigt habe, seinen Namen (in positivem wie in negativem Sinn) mit dem Börnes zusammenzustellen leitete Heine die Verpflichtung zu einem "Hervorstellen" seiner eigenen Person ab. Fremd- und Selbstporträt sind also dialektisch miteinander verbunden; eine Tatsache, die sich übrigens auch daran ablesen lässt, dass Heine seinem Gegenüber Sätze in den Mund legte, die er selbst zuvor als eigene Formulierungen zu Papier gebracht, aber nicht veröffentlicht hatte.

 

Der von Börne entwickelten Talent-Charakter-Antinomie gibt er jedoch gezielt eine neue Wende. Heine versucht zu erklären, warum ihm gemeinhin "Charakter" abgesprochen werde. So heißt es in genauer Bezugnahme auf die Identifikationsprozesse beim Leser, das Publikum könne immer nur demjenigen Charakter zusprechen, bei dem es eine Übereinstimmung von "Lebensprogramm" und Realisierung dieses Lebensprogramms erkenne. "Begreifen" könne das Publikum jedoch nur minder begabte Menschen - wie Börne -, während "ausgezeichnete Geister" immer über ihr Zeitalter hinausragten und sich dem unmittelbaren Zugriff der "bornirten Menge" entzögen. Dass Heine sich diesen "Geistern" zurechnete, steht außer Frage, ebenso sein Ziel, mit dieser Erklärung die "momentanen" Schwierigkeiten, denen er in der öffentlichen Meinung begegnete, zu einer Art innerer Notwendigkeit zu überhöhen. Indirekt spiegelte er sich hier als "echter Dichter" ab, dessen Schöpfungen, dem Obelisken auf der place de la Concorde gleiche, der von den Zwergen der Menge in ihrer putzigen "Beschränktheit" nur blinzelnd bestaunt werden könne.

 

Es gehört zu der bewusst dialektischen Doppelstrategie der "Denkschrift", dass Heine, der sich zunächst nur als bescheidener Augenzeuge eingeführt hatte, im Hintergrund als einer jener "Artisten" erscheint, die das Wort "zu jedem beliebigen Zwecke" handhaben, es "prägen nach Willkühr" und "objektiv" schreiben, gerade weil sie dies von einem bewusst subjektiven, persönlichen Standpunkt aus tun. Während Börne als Autor nur das tagespolitische Treiben gesehen habe und ihn darum als Dichter meinte abwerten zu können, betonte Heine, dass er die Verbindung von "Kunstinteresse" und den "revoluzionären Interessen des Tages" gesucht und sich eben dadurch erst in eine wirklich geschichtliche Perspektive gestellt habe, zeichnete sich der "wahre" Dichter doch dadurch aus, dass er, wie Dante, das, was er beschrieb, wirklich "gelebt, gefühlt" und "gesehen" hatte.

 



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