Werke bis 1856  3






Eigenhändiges Arbeitsmanuskript des Köln-Caput ("Deutschland. Ein Wintermärchen")

Neue Gedichte

 

Atta Troll

 

Deutschland. Ein Wintermärchen

 

 

Nach 1840 wendet sich Heine wieder stärker der Versdichtung zu, wohl auch in Reaktion auf die erneute Konjunktur der politischen Lyrik in Deutschland. Was Heine dabei an der von ihm als "Tendenzpoesie" verhöhnten politischen Dichtung missfällt, sind ein phrasenhaft unkonkreter Enthusiasmus, Poesielosigkeit und Bierernst sowie der einseitig nationale Kurs. Zugleich stachelt ihn der kommerzielle Erfolg seiner Kollegen Freiligrath, Hoffmann von Fallersleben, Dingelstedt oder Herwegh an, sich selbst im Genre der "Zeitgedichte" zu versuchen. Auch bei Freiheitslyrik bestand Heine auf formaler Vollendung; eine gute Gesinnung allein qualifizierte noch nicht zu höheren Dichterweihen.

 

Heines eigene Leistungen können sich sehen lassen: Wie kaum einem anderen Schriftsteller seiner Zeit gelang es ihm in seinen "Zeitgedichten" und im "Wintermährchen", Poesie auf höchstem künstlerischen Niveau mit konkreten politischen Aussagen zu verbinden und über dieses populäre Medium scharfe Kritik an den unzulänglichen politischen und sozialen Verhältnissen zu artikulieren. Einige wenige Gedichte von Weerth, Freiligrath und Herwegh ausgenommen, stellte er alles in den Schatten, was zwischen 1840 und 1848 an politischer Lyrik erschien, und avancierte ab 1842 auch als Lyriker zur kritisch-ironischen Stimme eines "besseren Deutschland".

 



"Nachtgedanken" - eigenhändige Reinschrift

Dabei findet man, von den "Schlesischen Webern", dieser "Marseillaise der deutschen Arbeiter" (Alexandre Weill) einmal abgesehen, in seinen Gedichten keine eindeutigen, mitreißenden politischen Parolen. Ihre Wirkung beruht vielmehr auf einem meist ironisch gebrochenen Ton, in dem sich neben der Staats- und Gesellschaftskritik auch bewusst die individuelle Lebensproblematik des Subjekts abspiegelt. Dazu kommt bei einigen der bekanntesten Gedichte eine eigentümliche rhythmische Intensität, die u. a. durch sparsamen Umgang mit metrischen Akzentverschiebungen erreicht wird.

 

Die "Nachtgedanken" sind ein besonders eindringliches Beispiel für Heines traumhaft sicheren Umgang mit poetischer Sprache, die ihm nicht bloß zur Mitteilung dient, sondern ihrerseits wie Material behandelt, bearbeitet und eingesetzt wird, wobei kaum zu entscheiden ist, ob dem ein bewusster oder unbewusster Prozess zugrunde liegt. Die Klangstruktur bzw. Lautschicht des zehnstrophigen Gedichts ist integraler Bestandteil der ästhetischen Wirkung, wobei Heine seinem dunkel-ernsten, schwermütigen Text keineswegs eine simple Vokalmelodie in o- und u-Moll unterlegt, sondern ganz im Gegenteil den Kontrast kultiviert, die phonetische Struktur durch gegenläufige Kunstmittel, etwa den Wechsel zwischen stimmlosen und stimmhaften Konsonanten, ein- und zweisilbigem Reim und den Wechsel der Auftaktbetonung bricht:

 

Seit ich das Land verlassen hab’,

So viele sanken dort in’s Grab,

Die ich geliebt - wenn ich sie zähle,

So will verbluten meine Seele.

 

Und zählen muß ich – mit der Zahl

Schwillt immer höher meine Qual,

Mir ist als wälzen sich die Leichen

Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

 

Der dramatischen Aufgipfelung in der neunten Strophe, einer schieren Kakophonie, in der die expressiven Zischlaute überwiegen, obendrein häufig gepaart mit unangenehm berührenden ä und ö, folgt die Schlussstrophe mit ihrer überreichen Klangskala, wie geschaffen als Übungsverse für deutliche Aussprache: ein buntes, dichtes Lautgefüge, das die bisherige Gleichförmigkeit umgehend aufzulösen vermag, genau so, wie im Text das Lächeln der Geliebten die Sorgen um die alte Mutter vergessen lässt: Der Zaubermacht des Eros gelingt es, wenigstens für den Moment, die Politik aus dem Alltag zu verdrängen:

 

Gottlob! durch meine Fenster bricht

Französisch heit’res Tageslicht;

Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,

Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

 

 

In den im September 1844 erschienenen "Neuen Gedichten" fasst Heine dann neben einem Zyklus von 24 "Zeitgedichten" im Wesentlichen die Ernte seiner lyrischen Produktion seit 1827 zusammen: die 45 Gedichte des "Neuen Frühlings", den auf 71 Gedichte angewachsenen Zyklus der "Verschiedenen" und 24 "Romanzen"; die ersten beiden Auflagen enthielten außerdem das satirische Versepos "Deutschland. Ein Wintermährchen". Der Versuch von Autor und Verleger, mit den "Neuen Gedichten" an den Erfolg des "Buchs der Lieder" anzuknüpfen, gelang allerdings nicht.

 

 



"Deutschland. Ein Wintermährchen" - eigenhändiges Titelblatt H.s


Parallel zu den "Neuen Gedichten" wendet sich Heine ab 1842 der alten Gattung des Versepos zu. Mit "Deutschland. Ein Wintermährchen" (1844) und "Atta Troll", der zwischen Januar und März 1843 in der Leipziger "Zeitung für die elegante Welt" und im Januar 1847 (mit dem Untertitel "Ein Sommernachtstraum") als Buch erscheint, schafft er zwei komplementäre, innerlich aufeinander bezogene Werke. Während sich das humoristische Tierepos "Atta Troll" mit südlicher Naturkulisse und seinen vierhebigen Trochäen als "phantastisch zweckloses Waldlied" gibt und damit bewusst, in direkter Stoßrichtung gegen die "Tendenzpoesie", an die Romantik anknüpft, stellt "Deutschland. Ein Wintermährchen" eine scharfe Satire der deutschen Zustände dar.

 

Elemente des allegorischen Heldenepos parodierend, formal die gängige Volksliedstrophe verwendend, demonstriert Heine die Unmöglichkeit einer Vereinigung "der Jungfer Europa" mit dem "Genius der Freyheit" unter den obwaltenden Umständen, deren Kenntnis er bei seiner Deutschlandreise im Herbst 1843 aufgefrischt hatte. Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die politische Romantik, die in Preußen seit dem Machtantritt Friedrich Wilhelms IV. auf einen autoritären Nationalstaat zusteuert.

 

Die beißende, in der Zeit der Freundschaft mit Karl Marx akzentuierten Aggressivität des "Deutschland"-Epos‘ wird flankiert durch die spielerisch humoristische Haltung des "Atta Troll", die Heine später im epischen Fragment "Bimini" weiterentwickeln wird.

 

Mit der Fabel vom Tanzbären "Atta Troll", dessen Hintergrund Heines Pyrenäenaufenthalt vom Sommer 1841 darstellt, versucht Heine, aus den Zwängen einer Atmosphäre der "political correctness" auszubrechen, die seit dem Misserfolg der Börne-"Denkschrift" seine schriftstellerische Basis bedrohte. Es galt, sich wieder einen neuen poetischen Freiraum zu schaffen und Distanz zu den alten Gegnerschaften zu gewinnen, die ihn zuletzt in den publizistischen Feldzügen der Strauß-Affäre bedrängt und im Pistolenduell vom 7. September 1841 auch physisch bedroht hatten. Erst aus diesem Freiraum heraus war dann auch ein neues politisches Engagement möglich. In einem 1846 entstandenen Bruchstück definierte er seine aktuelle Auffassung von der Rolle der Lyrik folgendermaßen:

 

Ja, in guter Prosa wollen

Wir das Joch der Knechtschaft brechen

Doch in Versen, doch im Liede

Blüht uns längst die höchste Freyheit.

Hier, im Reich der Poesie

Hier bedarf es keiner Kämpfe

Laßt uns hier den Tyrsus schwingen

Und das Haupt mit Rosen bekränzen.

 

 

Insbesondere in der zweiten Hälfte des "Atta Troll" versuchte Heine, "die alte Romantik, die man jetzt mit Knüppeln todtschlagen will, wieder geltend zu machen, aber nicht in der weichen Tonart der frühern Schule, sondern in der keksten Weise des modernen Humors, der alle Elemente der Vergangenheit in sich aufnehmen kann und aufnehmen soll." In einem Brief an Varnhagen evozierte er sein damaliges "Gelüste", sich "mit den alten Traumgenossen" der romantischen Schule noch einmal "herumzutummeln im Mondschein", wobei er sich jetzt bewusst ist, dass er gleichzeitig den "Schwanengesang der untergehenden Periode" geschrieben hatte, mit dem "die Muse der Romantik auf immer Abschied von dem alten Deutschland nahm. Das tausendjährige Reich der Romantik hat ein Ende, und ich selbst war sein letzter und abgedankter Fabelkönig", war das Fazit des Jahres 1846.

 

In den "Geständnissen" konnte Heine daher Blaze de Burys Charakterisierung als eines "romantischen Défroqué", eines entlaufenen Romantikers, nur zustimmen: "Trotz meiner exterminatorischen Feldzüge gegen die Romantik, blieb ich doch selbst immer ein Romantiker, und ich war es in einem höheren Grade, als ich selbst ahnte. Nachdem ich dem Sinne für romantische Poesie in Deutschland die tödtlichsten Schläge beygebracht, beschlich mich selbst wieder eine unendliche Sehnsucht nach der blauen Blume im Traumlande der Romantik, und ich ergriff die alte bezauberte Laute und sang ein Lied, worin ich mich allen holdseligen Uebertreibungen, aller Mondscheintrunkenheit, allem blühenden Nachtigallen-Wahnsinn der einst so geliebten Weise hingab. Ich weiß, es war ‚das letzte freye Waldlied der Romantik‘, und ich bin ihr letzter Dichter."

 

Gegen die kurzsichtige Kritik gesinnungstreuer Charakterhelden sollte der geläutert romantische Nachzügler "Atta Troll" unter Benutzung traditioneller Fabelmotive die "unveräußerlichen Rechte des Geistes" vertreten, poetische Freiheit und Autonomie der Kunst ("Phantastisch/Zwecklos ist mein Lied. Ja zwecklos/Wie die Liebe, wie das Leben,/Wie der Schöpfe samt der Schöpfung!"), Ohne dass darum jene "heiligsten Menschheitsideen" preisgegeben würden, für die Heine selbst "so viel gestritten und gelitten" habe.

 

In der Gestalt des tollpatschigen Bären, der von sich selbst behauptet, er sein "kein Talent, doch ein Charakter", sollten sich zunächst die teutomanen Turner und Zivilisationsverächter in der Nachfolge Jahns und Maßmanns wiedererkennen. In einem weitergehenden Sinn aber war "Atta Troll" als "Satyre auf die menschlichen Liberalismus-Ideen überhaupt" angelegt, wie Heine in einem Brief an seine Mutter erklärte, der gegenüber er gleichzeitig einräumte, sein Bär habe vielleicht auch "ein bischen Färbung" von einem "Emanzipazions-Juden" abbekommen.

 

* * *

 

Im Unterschied zu "Atta Troll" geht das "Wintermährchen" seinen Gegenstand direkt, unverhüllt und ohne Umschweife an. Inhalt und Intention des Werks umriss Heine in einem Brief an Campe vom 17. April 1844 folgendermaßen:

 

"Es ist ein gereimtes Gedicht, welches [...] die ganze Gährung unserer deutschen Gegenwart, in der keksten, persönlichsten Weise ausspricht. Es ist politisch romantisch und wird der prosaisch bombastischen Tendenzpoesie hoffentlich den Todesstoß geben. Sie wissen ich prahle nicht, aber ich bin diesmal sicher daß ich ein Werkchen gegeben habe, das mehr furore machen wird als die populärste Broschüre und das dennoch den bleibenden Werth einer klassischen Dichtung haben wird."

 

Beobachtend und reflektierend beschreibt Heine anhand der kapitelstrukturierenden Reisestationen die politische Realität seines Vaterlandes. Die Fülle der Bezüge und Verweise ist so groß, dass Heine in einem Brief an Caroline Jaubert einräumte, dass das Epos "tausendundeine für den französischen Leser nicht faßbare Anspielung" enthalte. Witz und Pathos, Ideologie und Satire stehen in einem beständigen Wechselspiel. Durch die geschickte Handhabung des so genannten germanischen Verses gelingen dem Autor unzählige komische Effekte, überraschende Reime ("Strohwisch/philosophisch"; "Schakalen/Journalen") erweitern die festgelegten Beziehungen zwischen den Wörtern.

 

Die "versifizirten Reisebilder", in denen Heine ein düsteres Bild von Deutschlands Gegenwart und ein noch dunkleres von seiner Zukunft entwirft ("ein Gemisch/Von altem Kohl und Juchten"), sind Heines eingehendster und brisantester Beitrag zur Deutschland- und Preußendiskussion der vierziger Jahre. Mit dem "Wintermährchen" reagierte er auf den faktischen Machtzuwachs und die Hegemoniebestrebungen Preußens, das sich unter Friedrich Wilhelm IV. als Zentrum der politischen Restauration etablierte. Hellsichtig erkannte er die Gefahren eines sich modern gebärdenden, bis an die Zähne bewaffneten Nationalstaats, der die politischen Strukturen des Mittelalters zu restaurieren suchte.

 

Aus Heines Briefwechsel des Jahres 1844 geht deutlich hervor, wie besorgt er (zumal nach den negativen Erfahrungen mit der Börne-Denkschrift) um die Aufnahme des Werks war. Erneut hatte er es mit einer zweifachen Gegnerschaft zu tun: "Da das Opus nicht bloß radikal revoluzionär, sondern auch antinazional ist, so habe ich die ganze Presse natürlich gegen mich, da letztere entweder in Händen der Autoritäten oder der Nazionalen steht und von den unpolitischen Feinden, von rein literarischen Schuften, unter allerley Masken zu meinem Schaden ausgebeutet werden kann". In dem in Hamburg verfassten "Vorwort" zum Separatdruck des "Wintermährchen" betonte er daher entschieden seine "unheilbare, große Vorliebe für Deutschland", wie er sie gegenüber Vertrauten längst offenbart hatte. Solchermaßen suchte er dem Vorwurf zu begegnen, er sei als "Freund der Franzosen" automatisch ein "Verächter des Vaterlands" – ein Einwand gegen seine Deutschland-Kritik, den er sich schon seit Jahren gefallen lassen musste. Heines persönlicher Patriotismus, wie er ihn im "Vorwort" prägnant definierte, zielt auf Fortführung und Verwirklichung der revolutionären Denktradition in Deutschland von Luther bis Hegel. Den "Teutomanen", den Schreihälsen der "sogenannten nationalen Partei", die seit 1840 verstärkt ihr Heimatrecht an Elsaß-Lothringen reklamierten, warf er, wie er in Briefen an Karl Marx und Caroline Jaubert fast gleich lautend formulierte, entschlossen den "Fehdehandschuh" hin.

 

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