Exkurs: Alltag in Paris






Opernglas Heines

Gäste empfing Heine höchst selten. Denn wegen Mathildes "Eigenheiten", ihrem unbeherrschten Wesen, wagte er nur die »intimsten Bekannten« zu sich nach Hause einzuladen. Lieber flanierte er mit Besuchern über die von Menschen wimmelnden großen Boulevards, die neuen Prachtstraßen wie die Rue de Rivoli, wo man die Großstadtwelt beobachten und ihren zahlreichen Erscheinungen nachspüren konnte. Oder er traf sich mit Bekannten und Freunden in den großen Cafés und Restaurants beim Palais Royal und auf den Boulevards. Als Neuigkeitsbörsen fungierten für Heine die deutschen Buchhandlungen und die Lesekabinette.

 

Abends wurden häufig gesellschaftliche Unterhaltungsstätten angesteuert: öffentliche Bälle, Theater, Opern, Konzerte. Und wen hat Heine nicht alles gesehen und gehört: Rossini, das "rosalaunige Genie", und Spontini, das "welke Gespenst", Carl Maria von Weber und Liszt, Mendelssohn, das "musikalische Wunder", und Paganini, den "Vampir mit der Violine", Berlioz, die "kolossale Nachtigall", und Meyerbeer, den "Kapellmeister des eigenen Ruhms", Chopin, den "holdseligen" "Raffael des Klaviers", und die Sopranistin Jenny Lind, die "schwedische Nachtigall". Fast immer profitierte er dabei von Freikarten, die ihm seine Musikfreunde verschafften. Und nicht selten war es Mathilde, die ihn dort mit hinschleppte.

 




Taschenuhr Mathildes

Daneben suchte Heine Unterhaltungen in den Salons, besuchte Freunde, traf sich zum Abendessen, machte gelegentlich Ausflüge in die nähere Umgebung von Paris. Wobei alle diese Zutaten einer – wie Heine es nannte – "menschlich freyen Lebensweise" für den Schriftsteller in gewisser Weise Produktionsvoraussetzung waren. Die Seine-Metropole war "Spitze der Welt" nicht nur in politischem Sinn, sondern auch in zivilisatorischer und kultureller Hinsicht. Was Heine an dieser Stadt liebte, wodurch er sich ablenken, verführen und anregen ließ, war der farbige Alltag mit all seinen Angeboten, Bildern und Geräuschen.

 

Der Schriftsteller Heine schaute nach den Fensterauslagen, besah den Karneval, beobachtete die öffentlichen Tanzveranstaltungen. Die sonntäglichen Kirchgänger erregten seine Neugier ebenso wie das Publikum, das sich vor den Theatereingängen drängte. Und doch behielt er all diesen Oberflächenerscheinungen gegenüber eine gewisse Distanz, die es ihm ermöglichte, im Verhalten der Menschen und in den konkreten Spuren, die sie in der Stadt hinterlassen hatten, zu lesen und die Vorgänge hinter den glitzernden Fassaden zu interpretieren. Wobei die Prognose, die er der Pariser Gesellschaft stellte, eher düster war. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffe immer weiter auseinander, und da die Herrschenden offenbar selbst nicht mehr an die politischen und moralischen Werte glaubten, die sie propagierten, habe sich die fortschrittsgläubige Zuversicht des politischen Liberalismus in einen zynischen Geschäfts- und Spekulationsgeist verkehrt, der nur auf schnelle Gewinne aus sei. In einem Pariser Korrespondenzartikel vom 11. Dezember 1841 schreibt Heine:

 

"Jetzt, wo das Neujahr herannaht, der Tag der Geschenke, überbieten sich hier die Kaufmannsläden in den mannichfaltigsten Ausstellungen. Der Anblick derselben kann dem müßigen Flaneur den angenehmsten Zeitvertreib gewähren; ist sein Hirn nicht ganz leer, so steigen ihm auch manchmal Gedanken auf, wenn er hinter den blanken Spiegelfenstern die bunte Fülle der ausgestellten Luxus- und Kunstsachen betrachtet und vielleicht auch einen Blick wirft auf das Publikum, das dort neben ihm steht. Die Gesichter dieses Publikums sind so häßlich ernsthaft und leidend, so ungeduldig und drohend, daß sie einen unheimlichen Contrast bilden mit den Gegenständen, die sie begaffen, und uns die Angst anwandelt, diese Menschen möchten einmal mit ihren geballten Fäusten plötzlich dreinschlagen, und all das bunte, klirrende Spielzeug der vornehmen Welt mitsammt dieser vornehmen Welt selbst gar jämmerlich zertrümmern!"

 

J.-C. Hauschild/M. Werner



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