Exkurs: Heine und die käufliche Liebe




Aus seiner Gewohnheit, die Dienste von Prostituierten zu beanspruchen, machte Heine zeitlebens kaum einen Hehl. Bereits in Hamburg, der "großen Rechenstube", die sich nachts in "ein großes Bordell" verwandelte, hatte er Prostituierte aufgesucht, später in London oder Florenz hielt er es ebenso. Sie waren, wie er Varnhagen gegenüber einmal andeutete, eines seiner "gewöhnlichen Hausmittel" gegen "körperliches Unwohlseyn" und "geistiges Mißbehagen". Moder gestand er am 11. Juli 1823, "vorgestern nach Mitternacht" habe er Ablenkung von seinem "infernalen Brüten" gesucht und auf der Suche nach einer Entspannungsmöglichkeit "die bekannten Schmutzgassen Hamburgs durchwandelt". Die meisten Huren traf man auf der anrüchigen Drehbahn, dem Vergnügungsviertel des Hamburger Bergs (später unter dem Namen St. Pauli bekannt) und vor dem Dammtor in Hamburg. Von einigen kennen wir sogar die Namen - jedenfalls die Namen, die Heine ihnen gab, unter denen sie vielleicht arbeiteten, etwa "die lange Mahle", die Heine, wie Lewald bezeugt, lange nicht vergessen konnte, Hannchen Meyer, "die dicke Posaunengel-Hannchen, die Braunschweiger Mummen-Friedrike, die falsche Marianne, Pique-As-Louise, Kuddelmuddel-Marie, Dragonerkathrine, die rote Sophie, die keusche Susanne, die Strohpuppenjette, die große Malvine", sämtlich von der Schwiegerstraße, wo die Edelbordelle lagen. Was sich in Berliner Lusthäusern abspielte, war angeblich nur eine "decente Gemeinheit", gemessen an den "cyclopenhaften Bacchanalien, die in Hamburg, bei Peter Ahrens und Dorgerloh, oder im Sommer in der Alten Glashütte vor dem Dammthor gefeiert werden".

 

Der Preis für dieses freizügige Liebesleben waren vermutlich zwei Syphilosen, die Heine dann - viel zu spät - veranlassten, von Kondomen Gebrauch zu machen. Moser berichtete er unter dem Datum des 25. Februar 1824 aus Göttingen, nicht ohne noch schnell einen Scherz unterzubringen: "Ich habe mir gestern Abend bey der neuen Putzhändlerin ½ Dutzend Gondons anmessen lassen, und zwar von veilchenblauer Seide". Der jüngere Bruder Maximilian, wohl, weil er etwas von praktischer Medizin verstand, war vermutlich näher eingeweiht in die pathologischen Liebesfolgen und konnte sich daher in seinen Briefen gelegentlicher Ermahnungen nicht enthalten. Am 10. März 1834, nach der Lektüre des ersten Salon-Bandes mit seinen "viel[en] Zoten", wie Heine selbst einräumte, schrieb er dem Bruder ins Sündenbabel an der Seine: "Ich vermuthe daß es Dir recht gut geht. (...) Aber das rathet Dir mein wohlmeinendes Herz im Schooß blühender Rosen den Thau Deiner Mannes-Kraft nicht zu verschütten! Sehr prosaisch gesagt, nimm Dich ja mit den Huren in Acht" - obgleich er konzedieren musste, dass "eine so große Neigung" zum "Huren" in "unserer ganzen Familie sich befindet".

 

Daran gehalten hat sich Heine offenbar nicht. Über seine frühen erotischen Beziehungen in Paris wissen wir zwar so gut wie nichts; Ludwig Börne allerdings behauptete in einem Brief an Jeanette Wohl vom 14. Oktober 1831, Heine laufe "den gemeinsten Straßendirnen bei Tag und Nacht nach"; noch schlimmer sei, dass er sich dazu bekenne und "in einem fort von dieser häßlichen Gemeinheit" spreche, "in welcher er ein ästhetisches Vergnügen findet". Nicht nur wie hier gegenüber Börne oder in Briefen an vertraute Freunde, auch öffentlich machte Heine keinen Hehl aus seinem Interesse an ruchbarer Sexualität. In den "Elementargeistern" erinnerte er an das Gewispere, "das man zur Abendzeit in gewissen Seitengässchen einer Hauptstadt zu vernehmen pflegt", und selbst im "Rabbi von Bacherach" treffen wir in Frankfurt zur Messezeit Prostituierte aus dem Würzburger Frauenhaus.

 

Die Schilderung von Prostituierten, Loretten und Kurtisanen durchzieht das gesamte Werk, von der frühen Lyrik über die "Reisebilder", die Prosa der dreißiger und die Versepen der vierziger Jahre bis hin zu den Gedichten der Spätzeit. Der Bogen spannt sich von jenem "schönen Kind" unter den Linden, dessen Gruß auf offener Straße sich Heine verbittet ("Blamir' mich nicht"), bis zu den "Dirnen" des "Apollogotts" aus dem "Amsterdamer Spielhuis", worunter "eine dicke" besonders hervorsticht: "Ob dem großen Lorbeerkopfputz/Nennt man sie die grüne Sau". Verse wie diese waren schon provozierend genug; Heine unterließ es jedoch nicht, auf den gesellschaftlichen "Nutzen" der Prostitution hinzuweisen, die Scheinmoral der bürgerlichen Gesellschaft aufzudecken: Sarkastisch verglich er im dritten Teil der "Nordsee" die "öffentlichen Personen mit Bollwerken und Blitzableitern (...), wodurch die Moralität der Bürgerstöchter geschützt wird". Selbst auf Norderney könne man daher einer Prostituierten begegnen, einer "Person vom festen Lande", die man "für die Badezeit (...) hierher verpflanzt" habe, damit sie "alle Sünden der fremden Gäste in sich aufnehmen, und dadurch die Insulanerinnen vor allen schlimmen Einflüssen sichern" solle.

 

Was Börne bereits für 1831 überlieferte, nämlich Heines Vorliebe für die Freudenmädchen in der Passage des Panoramas, galt auch noch später: In einem Brief vom 29. Januar 1833 empfahl ihm sein eben aus Paris zurückgekehrter Vetter Carl, dort nicht »gar zu viel« spazieren zu gehen und sich »nur regelmäßig, etwa 1 oder 2 Mal die Woche verführen« zu »lassen« - andernfalls werde ihm wohl kaum ausreichend Zeit bleiben, um »ein ordentliches Werk« zu schreiben. August Lewald wurde von Heine sogar ermächtigt, dem deutschen Publikum 1836 in einer Aufsatzsammlung ausführlich von seinem "Lieblingsspaziergang" zu berichten, "wo man Abends gern vermeidet hindurchzugehen, wenn man eine Dame am Arme führe", weil mit Einbruch der Dämmerung jene jungen Frauen auftauchten, die im Ruch der Käuflichkeit stünden: Hier pflege Heine zu flanieren, angezogen von "lustwandelnden" Zoën, Aglaën, Desiréen, Clarissen, Amélien und wie sie sich sonst noch nannten. Selbst als verheirateter Mann gab er seine lieben Gewohnheiten nicht völlig auf. "Paris zu genau kennen zu lernen" bedeutete für ihn, die Bekanntschaft von Prostituierten zu machen. Mit Ferdinand Lassalle machte er im Winter 1845/46 offenbar diverse Besuche bei Pariser Loretten, um sich "bei Weibern (...) zu zerstreuen", wie es in einem Brief an das junge "Genie" heißt, auch nach Lassalles Abreise setzte er die Besuche fort, wenngleich eingeschränkt. "Hermance ist noch immer bettlägerig. Madonna habe ich noch nicht besucht, Eugenia ein einziges Mal - Schwäche, Dein Name ist - -!" Wegen der Verschlechterung seines Gesundheitszustandes (fortschreitende Gesichtslähmung, Gefühlstaubheit) musste er die Besuche einstellen, denn er fürchtete, die "Weiber" könnten ihm "jetzt den Garaus geben (...); deshalb hatte ich auch noch nicht den Muth, Madonna zu besuchen - sie könnte aus Zerstreutheit sich in der Person irren."

J.-C. Hauschild/M. Werner



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