EINLEITUNG




Die Geschichte von Heines Wirkung und Nachwirkung liest sich als Erfolgsstory. Jahr für Jahr mehr als zweihundertfünfzig Notizen und Rezensionen haben emsige Rezeptionsforscher bereits in den ersten Dezennien seines europäischen Ruhms nachgewiesen, wobei Nachdrucke und Übersetzungen noch nicht einmal berücksichtigt sind.

 

Dem 1970 gegründeten Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf, das mit seinem Museum und seiner Bibliothek als Archiv für Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft der Pflege und Verbreitung des heineschen Werks verpflichtet ist, flattern unter dem Heine-Stichwort Monat für Monat zwischen einhundertfünfzig und dreihundert Notizen, allein aus deutschen Zeitungen und Zeitschriften ins Haus, mit steigender Tendenz, denn "ein paar grundgelehrte (Heine-)Zitate zieren den ganzen Menschen", wie schon Heine wusste. Insbesondere Journalisten und Leserbriefschreiber hat es Heine angetan, ganz egal, ob sie sich zur political correctness äußern oder die Bekämpfung von Schlafstörungen ihr Thema ist.

 

Hinzu kommen die wissenschaftlichen Beiträge, von denen die jüngste Ausgabe des "Heine Jahrbuchs" für das abgelaufene Jahr rund 350 Titel verzeichnet: Werkeditionen, Nachdrucke und Übersetzungen, Dokumentationen, Monographien und Aufsätze zu allen Facetten von Leben und Werk, literarische Essays und Dichtungen, Inszenierungen, Vertonungen und so weiter und so fort.

 

Auch im nüchternsten Alltag, abseits der Hauptwege von Wissenschaft und Publizistik, begegnet uns der Autor. Es gibt einige wenige Gedenkstätten und sehr viele rätselhafte Denkmäler (deren Zahl aber, mit Verlaub, immer noch geringer sein dürfte als die der abgelehnten, unterdrückten und demontierten Heine-Monumente). Unser aller Heine ist Namenspatron für Preise, Stipendien, Plätze, Straßen (darunter eine Autobahn in Tel Aviv), Forschungseinrichtungen und Begegnungsstätten; für Bibliotheken, Gesellschaften und Vereine, Schulen, Buchhandlungen, Antiquariate, Apotheken, Hotels und Hotelsuiten, Kliniken, Kurparks, Flusskreuzfahrtschiffe und den Eurocity von Dresden nach Paris. Zum Suchwort im Kreuzworträtsel und zum Comic-Helden hat es der Autor schon gebracht, und unlängst zog er mit einem über 170 Jahre alten Text ins Feuilleton einer Tageszeitung ein: "Die Harzreise" als Fortsetzungsroman, exklusiv und tantiemenfrei in der "Magdeburger Volksstimme".

 

Es gibt eine Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft, die bisher Max Brod, Hilde Domin, Martin Walser, Peter Rühmkorf, Kay und Lore Lorentz, Sarah Kirsch, Tankred Dorst und Marcel Reich-Ranicki verliehen wurde; letzterer wählte (wie er jüngst dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL verriet) 1948, als er polnischer Vizekonsul in London und zugleich Hauptmann des Geheimdienstes war, schelmisch Heinrich Heine als Decknamen für konspirative Kontakte.

 

Aus dem Heinrich-Heine-Fonds wurden von 1979 bis 1989 Opfer des Radikalenerlasses unterstützt, und seit 1988 trägt sogar, nach langem Sträuben der Herren Professoren, die Universität Düsseldorf seinen Namen. Kein Schelm, sondern bloß ein ganz gewöhnlicher Lump, vielleicht aber auch ein Literaturfreund war jener Informelle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, der im Jahr 1973 gefälschte Biografien des damaligen CDU-Kanzlerkandidaten Barzel in die Briefkästen von rund 60 ausgewählten Bundesbürgern schmuggelte und mit seinem Führungsoffizier in Ost-Berlin als Heinrich Heine Verbindung hielt. In New York betätigt sich seit neuestem ein Düsseldorfer "Heine-Fan" als "Heine-Schrubber". Die Entdeckung dieser raren Spezies verdanken wir dem Nachrichtenmagazin "Focus" ("Ein Heine-Schrubber in New York"). Ganz zufällig habe der Zahnarzt "mit Sommerwohnsitz auf Long Island" im New Yorker Stadtteil Bronx den einst als Düsseldorfer Heine-Denkmal vorgesehenen Loreley-Brunnen von Ernst Herter entdeckt. "Weil der so heruntergekommen war", griff der "Saubermann" kurzerhand zu "Eimer und Bürste und schrubbte das Denkmal blitzblank".

 

Heine und seine Werke scheinen auch 150 Jahre nach dem Tod des Autors keine Patina anzusetzen. Heine selbst macht es uns schwer, ihn in die fernen Sphären der Unangreifbarkeit zu entrücken. Gleich zu Beginn seiner Karriere hat er sein Publikum in Liebhaber und Verächter gespalten, und bis heute ist das so, das hält ihn frisch und lebendig. Seine Wirkung gründet auf Zustimmung und Ablehnung, das macht sie dauerhafter als jede Vollkonserve.




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