ALICE SCHWARZER:
Dankesrede zur Verleihung der
„Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft“ 2006


 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde und Freundinnen,
geschätzte Heine-Gesellschaft,
lieber Avi Primor,

 

es ist eine für mich zutiefst anrührende und aufregende Sache, einen Preis zu bekommen im Namen und in der Tradition eines wahren Vorbildes, ja eines frühen Idols. Und ich frage mich natürlich: Was hätte wohl Heinrich Heine dazu gesagt? Obwohl - sein Kommentar hätte mir vermutlich nicht nur Freude gemacht. Doch darauf - auf das Verhältnis von Heine zu den Frauen und insbesondere zu den emancipierten Weibsbildern - komme ich noch.

 

Zunächst möchte ich ein paar Worte über mein Verhältnis zu Heine sagen, denn das ist für etliche unter Ihnen ja nicht zwingend evident.

 

In der Tat habe ich Heinrich Heine schon als kleines Mädchen für mich entdeckt, ganz auf eigene Faust. Im Musikunterricht gefiel mir die Loreley so über die Maßen, dass ich darauf bestand, sie vorsingen zu dürfen - nicht unbedingt zum Plaisier meiner Klasse, denn singen konnte ich noch nie. Und ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, dass uns das Lied von unserem Lehrer, Herrn Tesche, der sich gerne als " deutsche Eiche" titulieren ließ, als deutsches "Volkslied" vermittelt worden war, geschrieben von einem "unbekannten Dichter".

 

Erst meine Großmutter, der vermutlich mein Loreley-Gesang ebenfalls nicht erspart geblieben war, klärte mich darüber auf, was es bedeuten sollte: Das Lied sei von Heinrich Heine, der, ganz wie sie, ein Herz für die französische Revolution gehabt und der Napoleon jauchzend auf der Kö begrüßt habe. Dessen Bücher hätten die Nazis verbrannt, und nicht nur die. Sie müssen wissen: Meine Großmutter war für mich grundsätzlich zuständig in Sachen politischer Aufklärung, auch über die Nazis, die sie von Herzen gehasst hat.

 

Anfang der 60er dann, als ich 20-jährig mit der besten Freundin nach Schwabing zog - weil die Familie den direkten Abgang nach Paris fürsorglich untersagt hatten, und wir damals erst mit 21volljährig wurden - in Schwabing also verbrachten wir Mädels unsere Zeit nicht nur Rotwein-trinkend im Englischen Garten und Rock'n-Roll-tanzend im Jazzkeller, sondern auch Lotte-Lenya-hörend und Heine-rezitierend in unserer möblierten Bude in der Konradstraße 12.

 

Ja, Heinrich Heine war und ist mein Lieblingsdichter, er begleitet mich schon lange.

 

Zur Liebe entflammte die Neigung dann in Paris. Dort lernte ich bei meinem ersten Paris-Aufenthalt mit 21 Französisch und fiel unter die Franzosen. Die stellten mir gerne Fragen wie: Connaissez-vous Enri Ein? Enri Ein? Nein, kannte ich nicht... Ich brauchte eine gewisse Zeit und viele Lektionen auf der Alliance Francaise, bis ich begriff: Die reden von meinem Heinrich Heine!

 

Von dem standen inzwischen acht zerfledderte Taschenbuch-Bände - die Kindler-Ausgabe von Hans Kaufmann, ich habe sie noch - auf dem einzigen und wackligen Regal in meinem Au-pair-Mädchen-Zimmer in der Rue du Texel. Dort, im alten Arbeiterviertel von Montparnasse, gingen unter der Straße noch die Geheimgänge aus der Zeit der Revolution von Keller zu Keller. Alle paar Wochen nahm ich die Metro, um quer durch die Stadt von Montparnasse nach Montmartre zu fahren und Heines Grab zu besuchen. Denn nach meiner Flucht ins Existenzialisten-Mekka Paris wurde mir nun das
deutsche Herz schwer, von französischer Clarté und Kühle erholte ich mich bei Heines Spott und Romantik.

 

Besuchte ich in dieser Zeit die Heimatstadt Wuppertal und fuhr über die Brücke zu Cölln, wurde auch mir ganz seltsam zumute - aber sehr bald wurde mir dann das Herz auch in deutschen Landen schwer, und ich sehnte mich nach meinen leichtfüßigen Franzosen.

 

Mit Heine verbindet mich also nicht nur, dass auch ich, geboren 30 Kilometer entfernt von der Bolkerstraße, Rheinländerin bis aufs Mark bin, sondern ebenso, dass ich mein Leben lang zerrissen war - und bin - zwischen Deutschland und Frankreich: Mein Traum wäre Paris am Rhein!

 

Als ich dann Ende der Sechziger zum zweiten Mal nach Frankreich zog, da hatte ich nicht mehr nur Heine, den Dichter, im Gepäck, sondern auch Heine, den Journalisten. Denn inzwischen war ich - zu meiner bis heute anhaltenden Freude! - Journalistin geworden. Die ersten Schritte hatte ich auf der Kö im Volontariat bei den "Düsseldorfer Nachrichten" gemacht. Ich ging nach Paris, um von dort aus für die Deutschen über die Franzosen zu schreiben, ganz in Heines gigantischen Fußstapfen.

 

Anfang der 70er war aus dem Idol also ein Vorbild geworden, politisch wie literarisch und journalistisch. "Mein Schwert ist meine Feder" - mit diesem Satz von Heine kann ich mich bestens identifizieren.

 

Doch nun sollte etwas passieren, was mein inniges Verhältnis zu Heine trüben musste. Ich wurde Feministin. Das heißt, das Unbehagen, das ich schon mein ganzes Frauenleben lang hatte - zum Beispiel, wenn ich in der Tanzschule warten musste, dass "die Herren auffordern"; oder wenn der Freund zu mir sagte: Alice, eine Dame lacht nicht so laut und macht nicht so große Schritte; oder wenn ich als einzige Frau in der fortschrittlichen 68er-Postille im Halbdunkeln inmitten der Männerredaktion stand und das Titelmädchen mit aussuchen sollte und es hieß: Nehmen wir doch lieber das erste Foto, auf dem sieht man die Titten besser. Oder oder oder - dieses stumme Unbehagen als Frau also bekam nun Worte.

 

Worte wie Emancipation. Ein Begriff, den - wussten Sie das? - niemand anderes als der Jurist Heine zum politisch-sozialen Schlagwort gemacht hat. So schrieb er 1828 in seiner "Reise von München nach Genua":

 

"Was ist aber diese große Aufgabe unserer Zeit? Es ist die Emanzipation! Nicht bloß die der Irländer, Griechen, Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist, und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gängelband der Bevorrechteten, der Aristokratie."

 

Dass es kein Zufall ist, dass Heine hier die Frauen nicht erwähnt, werden wir auf den zweiten Blick sehen. Es ist aber schon auf den ersten Blick verwunderlich. Denn zu seinen Lebzeiten stand die Emanzipation dreier Menschengruppen ganz oben auf der Agenda: die des Proletariats, die der Juden - und die der Frauen. Und nicht nur die Frauen räsonnierten über die "große Frauenfrage", sondern auch Männer wie Theodor Gottlieb von Hippel zum Beispiel. In direkter Anspielung auf eine Schrift von 1781 mit dem Titel "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" nannte Hippel 1792 seine Schrift "Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber". Das war ein Jahr vor Olympe de Gouges Hinrichtung unter der Guillotine. Die Verfasserin der "Erklärung der Menschenrechte der Frauen" war durch die Vollstrecker der französischen Revolution zum Tode verurteilt worden. Und es war fünf Jahre vor der Geburt von Harry Heine.

 

Ich gebe zu: Die Tatsache, dass Mathilde, sein "dickes Kind", Analphabetin war, hatte mich schon früher irritiert. Nicht, dass das gegen sie, die unehelich geborene Schuhverkäuferin, gesprochen hätte. Nein, es sprach gegen ihn. Heine hat eine Frau zu seiner Lebensgefährtin und Ehefrau gemacht, die seine Schriften weder lesen noch verstehen konnte - das heißt, die vom elementarsten Teil seines Lebens, dem Schreiben, ausgeschlossen war.

 

Das Mindeste, was sich im Rückblick sagen lässt, ist: In der Liebe hat Heine die Begegnung mit Frauen als Gleiche nicht nur nie gesucht, sondern tunlichst gemieden. Er hat den größtmöglichen hierarchischen Unterschied, er hat das Machtverhältnis gelebt. Nach oben. "Ich bin verdammt, nur das niedrigste und thörichste zu lieben", hat er kokett geklagt. Doch das war kein Schicksal, es war seine Wahl. Die von ihm nach seiner Facon geliebten Frauen mussten also gleichzeitig mit seiner Verachtung leben.

 

Dies ist umso bemerkenswerter, als Heine in seinem Leben den bedeutendsten Frauen seiner Zeit begegnet ist, ja sogar mit ihnen befreundet war: von Rahel Varnhagen, seiner frühen Förderin, bis George Sand, seiner späten "Schwester".

 

Seine entscheidenden politischen Impulse erhielt der junge Heine in den Berliner Salons der 20er und 30er Jahre des 19. Jahrhunderts. Diese Salons wurden nicht zufällig alle von doppelt Marginalisierten, von emanzipierten Jüdinnen geführt. Darunter Rahel Varnhagen, die für Heine "die geistreichste Frau des Universums" war und für mich eine der klarsichtigsten, verzweifeltsten Feministinnen ihrer Epoche ist.

 

In frühen Briefen klagt Rahel einem Freund: "Wenn meine Mutter gutmühtig und hart genug gewesen wäre, und sie hätte nur ahnen können, wie ich würde, so hätte sie mich beim ersten Schrei in hiesigem Staub ersticken sollen. Ein ohnmächtiges Wesen, dem es für nichts gerechnet wird, nun so zu Haus zu sitzen, und das Himmel und Erde, Menschen und Vieh wider sich hatte, wenn es weg wollte." Und an die Freundin Pauline Wiesel schreibt sie: "Wir sind neben der menschlichen Gesellschaft. Für uns ist kein Platz."

 

Frauen der westlichen Welt haben auch zwei Jahrhunderte später noch reichlich Nachteile und Probleme - von denen im Rest der Welt gar nicht zu reden. Aber uns geht es gut, sehr gut im Vergleich zu unseren Ururgroßmüttern. Sie waren Sklavinnen. Ganz und gar rechtlos und besitzlos. Gleichzeitig aber waren sie, ganz wie heute, die intimen Gefährtinnen der Männer. Haussklavinnen eben.

 

Und Heine? Der glühend Gerechte? Heine zog - wohl nicht zuletzt unter Rahels Einfluss - tatsächlich nach Paris, weil er sich so brennend für die Saint Simonisten interessierte, die einzige sozialistische Bewegung, die auch die Gleichberechtigung der Frauen auf ihre Fahnen geschrieben hatte, bis hin zur gleichen Kleidung für die Geschlechter. Hier lernte er auch George Sand kennen und schätzen, diese "Amazone", dieses "Mannweib", diese "Lesbierin", die in Männerkleidung rumlief und Zigarren rauchte, wie bis heute gehöhnt wird von den Freunden des kleinen Unterschieds. Heine verkehrte sogar mit dieser Emanze, ja hatte sie, glaube ich, ganz gern. Nur ihre, wie er sagte, "schrankenlose Emanzipation" fand er schwer übertrieben.

 

Warum? Heine selbst hat gegen Ende seines Lebens seinen Besuchern Adolf Stahr und Fanny Lewald (ebenfalls eine aktive Frauenrechtlerin) ohne Umschweife auf diese Frage mit einer Anekdote geantwortet: "Es geht mir wie Napoleon mit den Schwarzen", sagte er 1850. "'Warum wollen Sie die Schwarzen nicht emanzipieren, Sire? fragte man ihn. Je vous le dirai en deux mots: Parceque je suis blanc!'" antwortete Napoleon. Weil ich weiß bin. "Und ich", fuhr Heine fort, "ich bin verheiratet."

 

Ein offenes Wort. Heine ist also gegen die Emanzipation der Frauen, weil er von ihrer Abhängigkeit profitiert. Auch darin ist Heine ein sehr moderner Mann. Wir kennen die Haltung nur zu gut aus der 68er Bewegung. Die wollte auch alle Menschen der Welt befreien - nur die eigenen Frauen nicht. Und genau aus dieser Frustration entstand ja überhaupt erst die Neue Frauenbewegung - die xte in der Geschichte der Menschheit.

 

Das Schlimmste aber ist: In Wahrheit versteht gerade Heinrich Heine sehr viel von Frauen. Nein, damit meine ich nicht sein Schwärmen, nicht die Überhöhung, die ja immer nur die andere Seite der Erniedrigung ist. Heine schreibt die einfühlsamsten Texte über die Miserabelsten, darunter die Prostituierten (Heißer Lektüretipp für alle modischen Verharmloser der Prostitution!). Immer wieder beugt er sich über Frauen als Opfer. Aber Gefährtinnen auf Augenhöhe? Nein! Denen verwehrt er die Existenz, im Leben wie in der Politik.

 

Wie so viele Männer teilt auch Heinrich Heine Frauen auf in Kopf oder Körper. Frauen mit Kopf kann er nicht begehren, Frauen mit Körper kann er nicht achten. Was praktisch für ihn war, aber auch fatal. Und was wohl auch zu tun hat mit der phobischen Abwehr des "Weibischen" durch diesen ja keineswegs unweiblichen Mann.

 

Was aber heißt das nun für mich, die ich mein Leben lang gegen die Spaltung in hie Kopf und da Körper gekämpft habe? Nein, es heißt nicht, dass ich Heine die Liebe aufkündige. Ich lasse mir Heine auch von Heine nicht vergällen!

 

Aber es bedeutet, dass ich auch in seinem Falle etwas tun muss, was ich ein Leben lang gewohnt bin: Ich muss mein Frausein verleugnen. Nicht als Bürger, aber als Frau muss ich mich selbst verleugnen, will ich mich in Heines Schriften wiederfinden. Tue ich das nicht, müsste ich ihn aufgeben - und damit die ganze Welt. Denn die ist bis heute eine von Männern definierte und beherrschte Welt, in der Frauen "neben der menschlichen Gesellschaft stehen", wie Rahel Varnhagen sagt, in der Frauen Fremde sind.

 

Gleichzeitig aber darf ich mich nicht selber verlieren. Diese Zerreißprobe mutet mir auch und gerade der konvertierte Jude Heinrich Heine zu, der selber so sehnlichst auf Integration gehofft hatte. Das ist - und bleibt - ein tiefer Schmerz.

 

Einziger Trost: Zwar hätte Heine auch über eine wie mich wohl öffentlich gespottet - aber privat hätte er vermutlich ganz gerne mit mir geplaudert. Alors, Harry, on en parlera. Wir bleiben am Thema.

 

Alice Schwarzer, 17. Februar 2006

 




<<< zurück

To top





Anzeigen

 



Die schönsten Lieder für Klavier und Gesang






Heines beste Apercus