INA HARTWIG:
"War nahe dran ihn griechisch anzureden"


Vor hundertfünfzig Jahren starb Heinrich Heine, einer der ernstesten, witzigsten und unerschrockensten Schreiber deutscher Sprache


Wenn wir in Versuchung geraten, unsere Zipperlein mit schwerer Not zu verwechseln, sollten wir an Heinrich Heine denken. Sein Vater, ein Stoffhändler, ging Bankrott, wurde entmündigt, setzte sich von Düsseldorf in die norddeutsche Provinz ab. Die Wohnung der Mutter brannte aus, Briefe, Manuskripte von Heine und seiner Familie wurden 1833 zerstört, und später, im Mai 1842, bei der großen Hamburger Feuerkatastrophe, brannten die Räume seines Verlegers Campe aus. Ein Palais am Jungfernstieg ging bei dieser Gelegenheit dem Onkel Salomon Heine verloren, der allerdings so reich war, dass Heinrich Heine aus dessen Hinterlassenschaft noch eine recht ordentliche Pension bezahlt werden konnte. Die hatte der Dichter spätestens in seiner Pariser "Matratzengruft" auch bitter nötig, zumal er seine hilflose Ehefrau Mathilde hinterließ, eine Schuhverkäuferin, der er einst ob ihrer überwältigenden Natürlichkeit verfallen war.

 

Und doch liest man aus Heines Zeilen eine Lebensgier, die einem den Atem verschlägt. Allerdings, gewisse Bedingungen mussten erfüllt sein, um diese Lebensgier zu stillen, und hierzu gehörte allem voran: die Großstadt. In Lüneburg, wo sein kranker Vater die Dämpfe der Saline einatmet und wo Heine seine Eltern monatelang besucht, ist ihm überhaupt nicht wohl zumute. Am 18. Juni 1823 schreibt er von dort an seinen Freund Moses Moser in Berlin: "Ich lebe hier ganz isolirt, mit keinem einzigen menschlichen Menschen komme ich zusammen, weil meine Eltern sich von allem Umgang zurückgezogen. Juden sind hier wie überall, unausstehliche Schacherer und Schmutzlappen, christliche Mittelklasse unerquicklich, mit einem ungewöhnlichen Rischeß, die höhere Classe ebenso im höheren Grade. Unser kleiner Hund wird auf der Straße von den anderen Hunden auf eigene Weise berochen und maltraitirt, und die Christenhunden haben offenbar Rischeß gegen den Judenhund."

 

Mit Frankreich in wilder Ehe

 

Heute ist Lüneburg eine rot-grüne Idylle mit Fahrradparkhaus am Bahnhof und Autofahrverbot in der von Bombardements verschonten Backsteinaltstadt. Das einzige, was nicht mehr steht - aus den bekannten Gründen -, ist die alte Synagoge.

 

Anstatt an die Menschen hält Heine sich lieber an die "Bäume", die sich "in dem alten grünen Schmucke" zeigen und ihm "alte vergessene Lieder ins Gedächtnis" rufen. Immerhin, die "Residenz der Langeweile", wie Heine stichelt, inspiriert ihn zu seinem berühmtesten Gedicht. Es steht in dem Bestseller Das Buch der Lieder (1. Auflage 1827, 13. Auflage 1855) und beginnt mit den Ohrwurm-Versen: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,/ Daß ich so traurig bin."

 

Die Nazi-Schulbücher wollten auf diese magisch-melancholische Heimatdichtung über die Jungfrau Loreley mit dem langen goldnen Haar, die einem armen Rheinschiffer den Kopf so sehr verdreht, dass er Boot und Leben einbüßt, nicht verzichten. Und setzten in unglaublicher Perfidie "Dichter unbekannt" unter das Gedicht. Daran erinnert von Zeit und Zeit Georges-Arthur Goldschmidt, der ehemalige jüdische Eleve einer Reinbeker Schule und entfernte Verwandte Heines, der 1938 Deutschland verließ. Ein gutes Jahrhundert nach Heine, der sich vor dem verhassten preußischen Kleinmut in Sicherheit brachte, fand Goldschmidt auf der Flucht vor den Nazis eine neue Heimat in Frankreich. Heine nahm allerdings die französische Staatsbürgerschaft nie an - mit der originellen Begründung: "Ließ mich nicht naturalisieren aus Furcht, daß ich alsdann Frankreich weniger lieben würde wie man für seine Mätresse erkühlt, sobald man bei der Mairie ihr legal angetraut - werde mit Frankreich in wilder Ehe fortleben."

 

Vor 50 Jahren, zu Heinrich Heines hundertstem Todestag, prägte Adorno die Formel von der "Wunde Heine", die er vor allem auf die Vermarktung von dessen Lyrik bezogen wissen wollte: "Einmal hat ihre Unmittelbarkeit hingerissen. Sie hat das Goethesche Diktum vom Gelegenheitsgedicht so ausgelegt, daß jede Gelegenheit ihr Gedicht fand und jeder die Gelegenheit zum Dichten für günstig hielt. Aber diese Unmittelbarkeit war zugleich überaus vermittelt. Heines Gedichte waren prompte Mittler zwischen der Kunst und der sinnverlassenen Alltäglichkeit." Nun, man könnte auch etwas schlichter sagen: Heine war ein eingängiger Lyriker, weshalb er gelegentlich Beifall von der falschen Seite bekam.

 

Für seine Zeit war der schmale Mann enorm viel herumgekommen, per Kutsche meistens, aber auch zu Fuß, zum Beispiel von Jena nach Weimar, wo er am 2. Oktober 1824 Goethe trifft. Dessen "indifferenter Pantheismus" ist ihm zwar suspekt, doch teilen beide eine (nur noch schwer nachfühlbare) tiefe Bewunderung für Napoleon. Dass er Goethe als Despoten der Kunstszene kaum erträgt, hindert Heine wiederum nicht daran, seinen Neid auf diesen "Jupiter" offen einzugestehen.

 

Über das missgelungene Gipfeltreffen äußert sich Heine selbstironisch: "Wahrlich, als ich ihn in Weimar besuchte und ihm gegenüber stand, blickte ich unwillkürlich zur Seite, ob ich nicht auch neben ihm den Adler sähe mit den Blitzen im Schnabel. Ich war nahe dran ihn griechisch anzureden; da ich aber merkte, daß er deutsch verstand, so erzählte ich ihm auf deutsch: daß die Pflaumen auf dem Wege zwischen Jena und Weimar sehr gut schmeckten. Ich hatte in so manchen langen Winternächten darüber nachgedacht, wie viel Erhabenes und Tiefsinniges ich dem Goethe sagen würde, wenn ich ihn mal sähe. Und als ich ihn endlich sah, sagte ich ihm, daß die sächsischen Pflaumen sehr gut schmeckten."

 

Austern-Hochburg Hamburg

 

Unter den für Heine prägenden Städten wäre an erster Stelle Düsseldorf zu nennen, wo er am (vermutlich) 13. Dezember 1797 zur Welt kommt und eine meist glückliche, jedenfalls komfortable Kinder- und Schulzeit verlebt (1797 bis 1815); der Bankrott des Vaters erfolgte erst danach. Eine kaufmännische Lehrzeit schloss sich an in Frankfurt am Main, wo's ihm nicht gefällt; hier habe er lediglich gelernt, wie Muskatnüsse aussähen und wie man einen Wechsel ausstelle. In Hamburg, wo er ebenfalls eine Lehrzeit absolviert und sich später als Kaufmann versucht (1816 bis 1819), fühlt er sich weit heimischer, ist dort ja auch durch die Familie seines Onkels Salomon verwandtschaftlich (und amourös: Kusine Amalie) verwachsen.

 

In der Elb- und Hafenstadt befindet sich nicht nur das weltbeste Austern-Restaurant, Lorenz, wunderbar besungen in Deutschland. Ein Wintermärchen; hier wird er auch seinen Verleger Julius Campe finden. In Bonn studiert Heine dann Jura (1821), wird aber schnell wegen eines Duells für ein Semester der Universität verwiesen. Er geht nach Berlin, das ihn schon seiner Größe wegen beeindruckt, und hört Hegel. In Rahel Varnhagen und deren Mann Karl August Varnhagen von Ense gewinnt er zwei geistesverwandte Freunde fürs Leben. Von Berlin aus bereist er den preußischen Teil Polens und glänzt im Genre des Reiseberichts. 1824 wird das Studium in Göttingen fortgesetzt; die Enge des Universitätsstädtchens konkurriert mit der Lüneburgs. Aber auch diese Provinz hinterlässt in Form der Harzreise literarische Spuren. In München, Stuttgart und Kassel setzt er seinen Fuß auf den Boden. Ferner bereist Heine Italien, England und Holland, bevor er sich im Mai 1831, unter dem Eindruck der Julirevolution, in Paris niederlässt.

 

Binnen kurzer Zeit ist "Henri Heine", so nennt er sich auf seiner Visitenkarte, in der französischen Hauptstadt bekannt wie ein bunter Hund. Er findet Aufnahme in die mondänen Salons, lernt Balzac kennen, George Sand und Chopin, Victor Hugo, Gérard de Nerval und Franz Liszt. Später kommen Karl und Jenny Marx hinzu. Doch, wie schon Adorno feststellte, "politisch war Heine ein unsicherer Geselle: auch des Sozialismus". Politisch mag richtiger sein, ihn in die Nähe der konstitutionellen Monarchie zu stellen; wobei für ein Temperament wie Heine die Freiheit des Geistes und des Ausdrucks neben seiner Gleichstellung als Jude die wichtigsten politischen Ziele gewesen sein dürften. (Was ihn nicht daran hinderte, scharf gegen Graf Platens Homosexualität zu polemisieren.) Denn dass die Konversion zum Christentum - Heine hatte sich kurz vor seiner Promotion evangelisch taufen lassen, in der vergeblichen Hoffnung auf einen Universitätsposten - den Juden nichts nützt, durfte er nicht nur am Leib seines Hundes, sondern auch am eigenen erfahren. Seine Treue zu Napoleon dürfte letztlich darin begründet sein, dass dieser den Juden die vollen Bürgerrechte zuerkannte.

 

Das Verbot der Schriften des "Jungen Deutschland" durch den deutschen Bundestag im Dezember 1835 muss Heine von Paris aus zur Kenntnis nehmen. Erst 1842 und '43 reist er wieder in die alte Heimat, jeweils für einige Wochen: Deutschland. Ein Wintermärchen (1844) heißt das Ergebnis dieser Reise. Dort dichtet er in bittersüßen Versen: "Auch meinen alten Zensor sah/Ich wieder. Im Nebel, gebücket,/Begegnet er mir auf dem Gänsemarkt,/Schien sehr darnieder gedrücket.//Wir schüttelten uns die Hände, es schwamm/Im Auge des Manns eine Träne./Wie freute er sich, mich wieder zu sehn!/Es war eine rührende Szene."


Spott, Spott und Spott

 

Gemeint ist Friedrich Ludwig Hoffmann, 1822 bis 1848 Zensor in Hamburg, dessen hohe Bildung der sächsische Dichter Thomas Rosenlöcher in einem famosen Nachwort zum Wintermärchen unlängst pries, ein giftiger Seitenhieb gegen die hohlen DDR-Zensoren. Das waren Zeiten, als die Zensoren klüger waren als die Zensur!

 

Sein Vaterland verliert Heine in Frankreich also keineswegs aus dem Blick. Besonders das einflussreiche Buch De l'Allemagne (Über Deutschland) der Madame de Staël reizt den Widerspruch des deutschen Wahl-Parisers heraus. Dass sie die Gönnerin von Heines Erzgegner August Wilhelm Schlegel war, macht die Sache nicht besser. Die Verachtung, die er A. W. Schlegel - bei dem Heine immerhin als Student über das Nibelungenlied gehört hat - in dem Essay Die romantische Schule (1835) entgegenschleudert, bereitet schon allein aus stilistischen Gründen einen Hochgenuss. Von Schlegels Shakespeare-Übersetzungen abgesehen, die Heine zu schätzen weiß, hat er ausschließlich Negatives gegen diesen Mann vorzubringen: seinen romantisch-restaurativen, rührseligen Katholizismus, seine mediokre Dichtung und die impertinente Ablehnung literarischer Autoritäten: "Er riß die Lorbeerkränze von den alten Perücken und erregte bei dieser Gelegenheit viel Puderstaub. Sein Ruhm ist eine natürliche Tochter des Skandals."

 

In Frankreich war Heine regelrecht zum Komparatisten geworden: der Kulturvergleich als Denk- und Lebenselexier. Doch blieb er, trotz und wegen seiner Frankophilie, ein deutscher Patriot. Er verehrte eben Lessing und Racine, Herder und Molière, Voß und Voltaire. Den Deutschen Frankreich nahezubringen und umgekehrt den Franzosen Deutschland, war das Anliegen diverser Essays, deren Eloquenz, deren mit Witz gemischte Empörung gerade in diesen Tagen eines ermüdeten, überforderten Europas wiederzulesen beglückt und beschämt zugleich. Avant la lettre waren diese Essays Einspruch gegen das Harmonie- und Animierbedürfnis, das sich wie Mehltau auf so viele vormals kritische deutsche Gemüter gelegt hat. Dass es auf jede Nuance ankommt im Sprechen, Schreiben und Spotten, das zu lehren hört Heinrich Heine auch 150 Jahre nach seinem Tod nicht auf.

 

In seiner zweiten Heimat Paris wurde er am 17. Februar 1856 von seinem langjährigen Leiden erlöst. Das Grab auf dem Friedhof Montmartre: eine weltliche Pilgerstätte.

 

(Frankfurter Rundschau, 15.2.2006)

 




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