INTERVIEW MIT DEM DICHTER ADOLF ENDLER

 

 

Heinrich "Harry" Heine war 58 Jahre alt, als er heute vor 150 Jahren im Pariser Exil starb. Acht Jahre lang lag der Dichter bereits in seiner "Matratzengruft", mutmaßlich litt er an Multipler Sklerose und der Nervenkrankheit ALS. Wer war dieser Mann? Was sein Programm? Mit dem Berliner Schriftsteller Adolf Endler, 75, der als geborener Düsseldorfer ein Landsmann Heines ist, sprach unser Redakteur Christian Eger.

 

* * *

 

Herr Endler, welche Position nimmt Heine in Ihrer Dichter-Favoriten-Liste ein?

 

Endler: Eine ziemlich erstrangige. Zumal ich Heine als 15-Jähriger Düsseldorfer erstmals kurz nach dem Krieg in Düsseldorf gelesen habe. Ich habe sogar einmal geschrieben, dass man Heine Düsseldorferisch lesen müsste, was auch geschah. Mit großem Erfolg. Heine ist für mich alle zwei, drei Jahre ein ganz aktuelles Erlebnis.

 

Ihre Kindheit im "Dritten Reich" war eine Kindheit ohne Heine?

 

Endler: Ja, aber es war dank meiner belgischen Mutter keine pro-Hitlerische Kindheit. Ich habe mich oft in Kinderlandverschickungsheimen befunden und da gab es oh nehin nicht Heine, sondern den SA-Dichter Heinrich Anacker.

 

Was ist das Düsseldorferische an Heine?

 

Endler: Schwer zu sagen. Wenn ich zum Beispiel im Rundfunk lese, höre ich bei mir selbst eine Düsseldorfer Melodie im Untergrund. Die spüre ich auch bei Helne. Heine hat nicht, wie ich es gelegentlich getan habe, das Düsseldorfer Platt verwendet. Aber es ist eine Melodie in seiner Sprache, die mich an die melodische Sprechweise der niederrheinischen Leute erinnert.

 

War Heine eine rheinische Frohnatur?

 

Endler: Überhaupt nicht. Er war ein zurückgezogener Mensch, der Schwierigkeiten mit seiner Um welt hatte, so sehe ich ihn wenigstens. Er ist sehr früh von Krankheiten geprägt gewesen, die dann zu der schrecklichen Matratzengruft-Zeit geführt haben. Er war doch eine sehr auf sich selbst bezogene Persönlichkeit, woraus sich seine visionäre Lyrik und Prosa ergibt.

 

Und das überaus Aggressive, wenn er sich gezwungen sah, in die politische Arena zu treten?


Endler: Die Angriffe, die er ringsum führte, hat Heine - so glaube ich - als Methode gesehen, um eine poetische Vision herzustellen, um all die gegenläufigen Ereignisse und Tendenzen seiner Zeit zusammenzuhalten. Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass man Heine nicht als einen realistischen Autor begreifen könne, sondern dass der Traum für ihn eine große Rolle gespielt hat. Er träumte zusammen, was im frühen industriellen Zeitalter auseinander fiel.

 

Sie erkennen in Heine den Artisten, nicht den Moralisten.

 

Endler: Unbedingt. Es gibt ja die Versuche, eine Linie Goethe-Heine-Brecht herzustellen. Das halte ich für ganz und gar unmöglich. Die Franzosen, und so habe ich das auch immer empfunden, sehen das völlig anders. Heine ist von Gerard de Nerval übersetzt worden, einem der Urväter des Surrealismus in Frankreich. Da wird eine andere Linie hergestellt: Heine-Baudelaire-Apollinaire, hin zum Surrealismus.

 

In der DDR wurde Heine gern offiziell umgarnt. Wäre er als ein guter DDR-Bürger vorstellbar?

 

Endler: Überhaupt nicht. Natürlich haben sich die Kommunisten ihren eigenen Heine zurechtgelegt, nämlich den "Dichter und Kämpfer". Der war ja auch ein Kämpfer, aber aus literarischer Methode.
Heine war ja nicht nur aggressiv gegen die restaurativen Kräfte in Deutschland, sondern auch gegen die Linken und Liberalen, die sich um Ludwig Börne im Pariser Exilanten-Viertel versammelten.

 

Es gibt die gern zitierte Bekanntschaft mit Karl Marx.

 

Endler: Die wird überschätzt. Marx hat vom Pariser Exil aus die Zeitschrift "Vorwärts" herausgegeben, und da Heine immer Schwierigkeiten mit der Zensur hatte, war das für ihn eine ungeheure Möglichkeit, Texte unterzubringen, die sonst in Deutschland niemals hätten erscheinen können, mehr nicht. So ist sein "Wintermärchen" als Vorabdruck 1844 erstmals im "Vorwärts" erschienen.

 

Die "Sächsische Dichterschule", zu der in DDR die wichtigsten Lyriker Ihrer Generation gehörten, hatte es hingegen mehr mit Klopstock und Goethe als mit Heine.

 

Endler: Das 1st ein heikles Thema. Karl Mickel hat zum Beispiel einen Artikel geschrieben, der fast auf der Linie der Heine-Feinde von Karl Kraus bis Friedrich Sieburg liegt. Er sieht Heine als Dichter, der allerlei Kleinlichkeiten zusammenkommen lässt, im Unterschied zu Goethe, der die großen Zusammenhänge im Auge hatte, angeblich. Rainer Kirsch hat einmal gesagt, den Helne könnte ein halbwegs ordentlicher Dichter jederzeit nachmachen. Das ist natürlich Quark.
 
Der "Buch der Lieder"-Heine wird bis heute nachgeahmt.

 

Endler: Ja, tausendfach. Auch "Deutschland. Ein Wintermärchen" ist Dutzende Male nachgemacht worden, unter anderen von Wolf Biermann. Aber von alldem hat sich nichts erhalten, ist nichts im Gedächtnis geblieben - bis auf Heines "Wintermärchen". Es gibt poetologische Geheimnisse bei Heine, die tief liegen, und die von den Russischen Formalisten in den 20er Jahren erwogen worden sind.
Für mich ist Heine der Beginn der Moderne schlechthin.

 

Gibt es einen Dichter, der hierzulande Heines Planstelle besetzt?

 

Endler: Wüsste ich nicht. Man könnte einige Dichter nennen, die mit ähnlichen ironischen Mitteln arbeiten. Mir würde am ehesten noch Rühmkorf einfallen, auch Enzensberger wird in diesem Zusammenhang genannt. Der Heine aber war ein so wüster und visionärer Schriftsteller, wie er nicht so ohne weiteres nachzumachen ist.


Das Gespräch führte Christian Eger

Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2006




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